Russland

Kontrast-Reich

Auf der Suche nach der russischen Seele haben sich Christoph Zurfluh (Text) und Daniel Thuli (Fotos) durch Moskau und St. Petersburg führen lassen. Und dabei ganz unterschiedliche Welten kennengelernt.

Christoph Zurfluh

Freier Journalist

Schon als Teenager bereiste Christoph Zurfluh per Interrail Skandinavien. Später führte ihn seine Arbeit für Kontiki immer wieder dorthin. Die Liebe zum hohen Norden teilen auch seine beiden Kinder.

«Wir haben zwei Probleme in Moskau», erklärt Sina Dimitriewa, «Dummköpfe und Autos.» Wir sind eben erst auf dem Flughafen Domodedowo gelandet und können bislang nur das Zweite bestätigen: Im Schritttempo kämpft sich unser Taxi durch den Stossverkehr, der sich auf einer nicht genau erkennbaren Anzahl Spuren Richtung Zentrum vorarbeitet. Vier Millionen Autos sind allein in Moskau registriert. Ebenso viele rollen täglich aus den Vororten an. Die Metropole platzt aus allen Nähten. Doch es sind nicht schrottreife Moskwitschs, Wolgas und Ladas, die das Strassenbild prägen. Moskau ist die Hauptstadt der Luxuskarossen. Nirgends sonst ist die Dichte an fetten Gelände- und Sportwagen grösser.

«Womit wir bei den Dummköpfen wären», sagt Sina ernst. «Alle wollen das schnelle Geld. Und alle geben es ebenso schnell wieder aus, als ob es kein Gestern und kein Morgen gäbe. Vernünftig mit Geld umzugehen, hat hier niemand gelernt.» Dann erteilt uns die studierte Sprachwissenschaftlerin und Fremdenführerin die erste Lektion: «Autos haben in Moskau immer Vortritt. Wem das Leben lieb ist und wer ohne Verspätung ankommen will, nimmt besser die U-Bahn.»

Paläste für das Volk

Genau hier, in der Moskauer U-Bahn, treffen wir Sina am nächsten Morgen. Wir haben unser Versprechen gehalten, den Roten Platz besucht, dem Lenin-Mausoleum die Ehre erwiesen und die Zuckerbäckerkathedrale des Heiligen Basilius bestaunt. Und weil wir Sina in ihrer Euphorie für ihre Stadt nicht bremsen wollen, sagen wir: «Den Kreml schauen wir uns auch noch an, Ehrenwort.» Zuerst aber lösen wir in der Station Aleksandrovsky Sad für ein paar Rubel Tickets und verschwinden im Untergrund. Es ist zehn Uhr und die morgendliche Rushhour vorbei.

«Paläste für das Volk wollte das Zentralkomitee einst bauen», erklärt Sina, während wir auf einer atemberaubend steilen Rolltreppe in die Tiefe schweben. Und genau so sehen die ersten U-Bahn-Stationen auch aus: pompöse Bauten, so tief unter dem Boden wie bei kaum einer anderen U-Bahn der Welt. Zehntausende von Arbeitern pickelten und schaufelten die Tunnels frei, bevor man schliesslich doch eine Tunnelbohrmaschine in England beschaffte, um die erste sowjetische U-Bahn-Linie zwischen Sokolnik und Park Kultury 1935 planmässig eröffnen zu können. Heute fahren jährlich 2,4 Milliarden Passagiere auf den über 300 U-Bahn-Kilometern mit ihren fast 200 Stationen – 6,5 Millionen täglich!

«Anfassen!», sagt Sina und zwinkert mir verschwörerisch zu. Sie zeigt auf die Nase eines Deutschen Schäferhunds, einer von Dutzenden von Skulpturen in der Station Ploschtschad Revoluzii. «Wer im Vorbeigehen nach der Nase des Hundes greift, darf sich etwas wünschen.» Ich wünsche mir einen kleinen Happen und einen guten Kaffee an einem gemütlichen Ort, und siehe da: Der Wunsch geht in Erfüllung. Wir verlassen die U-Bahn, nachdem wir uns die herrlichsten Paläste des Untergrunds – Majakowskaja, Kijewskaja, Nowoslobodskaja, Komsomolskaja – angesehen haben und landen am schicken Tverskoy Boulevard im Café Pushkin, einem der schönsten der Stadt.

Beeindruckende Mogelpackung

«Naja», weicht unser Kellner Sergeij auf meine Frage aus, ob es denn stimme, dass im Café Pushkin mitunter auch Präsident Wladimir Putin verkehre. «Natürlich stimmt das», hilft Sina nach. Doch der diskrete Sergeij, wie das ganze Personal von Kopf bis Fuss auf Understatement gestylt, flüchtet sich ins Erklären der Karte: ein hochkarätiger Mix zwischen gehobener französischer und russischer Küche. Im Pushkin, so scheint es, ist die Zeit vor zweihundert Jahren stehen geblieben. Doch dieser Eindruck des altehrwürdigen Cafés täuscht: 1999 wurde das ehemalige Wohnhaus mit Apotheke im barocken Stil umgebaut: Stuckdecken, wuchtige Holzmöblierung, Bücherwände, ein alter Globus hier, ein Sextant dort. Man würde sich nicht wundern, sässe der russische Nationaldichter Puschkin höchstpersönlich am Nebentisch. Wir stecken ein kleines Vermögen in die Schatulle, in der uns die Rechnung gereicht wird und kehren zurück auf Russlands teuerste Strasse. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Pushkin, liegt das nächste Bijoux: das legendäre Delikatessgeschäft Jelissejew.

Das schnelle Geschäft zuerst

Der auf Nostalgie getrimmte Feinschmeckertempel hat kein geringeres Ziel, als das nobelste Lebensmittelgeschäft der Welt zu werden. Das soll, wie alles hier in Moskau, möglichst schnell gehen. Und das hat seinen Preis. Wer denn hier einkaufe, wollen wir wissen. «Ich nicht», sagt Sina und lacht so herzlich, dass wir nicht das kleinste bisschen Neid heraus hören. Es scheint, als ob man den Luxus selbst dann geniesst, wenn man ihn sich nicht leisten kann. Jahrzehnte des Verzichts wollen kompensiert werden.

Eine überteuerte Flasche Wodka in der Tasche, schlendern wir dem Tverskoy Boulevard entlang und landen nach einer Viertelstunde da, wo in Moskau alles beginnt: auf dem Roten Platz. Das wahre Leben pulsiert aber dahinter: auf dem Manegeplatz, der ganz den Fussgängern gehört. Hier flaniert tout Moskau, fein herausgeputzt, und zelebriert den Feierabend. Wir feiern ein bisschen mit, denn dies ist unser letzter Tag hier.

«Besteht eigentlich ein grosser Unterschied zwischen Moskau und St. Petersburg», fragen wir Sina, während wir uns an eine Portion Pelmeni (gefüllte Teigwaren) machen.

«Fragt besser, ob wir etwas gemeinsam haben», antwortet sie lachend.

Was heisst schon viel?

 «Nastrovje!», sagt Sina, als wir uns am nächsten Tag am Bahnhof verabschieden, und hebt ihren Plastikbecher. «Nastrovje!», sagen wir und lassen den Eigenbrand die Kehle runter brennen.

«Und das ist für die Fahrt», sagt sie und drückt uns ein PET-Fläschchen Hochprozentigen in die Hand.

«Das ist aber ganz schön viel», wehren wir ab.

«Was heisst schon viel?!», sagt Sina. «Kennt ihr das Sprichwort nicht? 100 Jahre sind kein Alter, 100 Kilometer keine Distanz, 100 Rubel kein Geld und 100 Zentiliter Wodka kein Alkohol.»

Als der Hochgeschwindigkeitszug «Sapsan» pünktlich auf die Minute aus dem Leningrader Bahnhof zu Moskau rollt, wischt sich Sina eine Träne aus den Augen. Auch so sind sie, die Moskauer: unnahbar, bis man sie ein bisschen kennt, und dann die Herzlichkeit in Person.

St. Petersburg ist anders

Nach vier Stunden und 650 Kilometern Niemandsland empfängt uns St. Petersburg mit Pauken und Trompeten. «Das ist die Hymne von St. Petersburg», schreit uns Katya Ermakowa zur Begrüssung in die Ohren. «Jedes Mal, wenn dieser Zug hier einfährt, wird sie gespielt.» Da an eine Unterhaltung nicht zu denken ist, dirigiert uns unsere Reiseleiterin durch die Menschenmenge raus aus dem Bahnhof und rein in die zweite Hauptstadt Russlands. Der Feierabendverkehr, der zurzeit das ganze Zentrum lahmlegt, darf sich durchaus messen mit jenem Moskaus: Nichts geht mehr.

«Wenn unser Wagen kommt», sagt Katya, «müsst ihr schnell einsteigen, denn hier darf man nicht anhalten.» Wir fühlen uns ein bisschen wie James Bond, als die schwarze Limousine an den Strassenrand fährt. Die Türen gehen auf, unser Gepäck verschwindet im Kofferraum und wir lassen uns in die Ledersitze sinken.

«Willkommen in St. Petersburg», sagt Vlad, der Chauffeur. Und weg sind wir. St. Petersburg ist anders. Kaum kommt man hier an, fühlt man sich ein Bisschen – zuhause.

«Natürlich», erklärt Katya. «St. Petersburg ist Europa.» Als Peter der Grosse sich vor 300 Jahren entschied, in diesem öden Sumpfgebiet an der Newa-Mündung eine Stadt zu bauen, liess er ausschliesslich westeuropäische Architekten ans Werk. Heute stehen die 2300 Paläste, Schlösser und Prunkbauten der historischen Innenstadt unter dem Schutz der UNESCO und man fühlt sich ein bisschen wie in Paris oder Venedig.

Im Volksmund heisst es Putinsburg

Mitten hindurch führt pfeilgerade der Newskij-Prospekt. Frisch herausgeputzt präsentiert sich die Stadt hier, schick und sauber. «Das hat sie ihrem 300-Jahr-Jubiläum 2003 zu verdanken», erklärt Katya. 300 Geschenke erhielt St. Petersburg zum Geburtstag. Viele davon auf sanften Druck ihres berühmtesten Sohnes: Wladimir Putin. Sein Einfluss hier ist so gross, dass die Einheimischen ihre Stadt scherzhaft Putinsgrad oder Putinsburg nennen. Unzählige historische Gebäude wurden restauriert, ein Hafen für Kreuzfahrtschiffe aufgeschüttet und eine weitere Ringautobahn ums Zentrum gebaut. Logisch, erhielt auch die mit zweieinhalb Millionen Besuchern wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt ein Facelifting: die Eremitage.

Diese ist nicht bloss eines der grössten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt; sie ist der Grund, weshalb alle Welt St. Petersburg kennt. Katharina die Grosse begann mit dem Bau des gigantischen Komplexes, um ein Plätzchen für ihre wachsende Kunstsammlung zu schaffen. Die folgenden Zaren bauten weiter. In 350 Sälen lagern heute 3 Millionen Objekte.

«Alles Originale!», erklärt Katya. «Die Eremitage ist das einzige Museum der Welt, in dem es keine Kopien gibt.» Möchte man sich jedes der Exponate auch nur eine Minute ansehen, man wäre sechseinhalb Jahre damit beschäftigt. «St. Petersburg ist Kultur. Moskau ist Business», holt Katya aus. Das sei schon immer so gewesen. Um die Menschen in die «Kunstkammer», das erste Museum der Stadt, zu locken, spendierte Peter der Grosse jedem Besucher eine Gurke und ein Gläschen Wodka. Wodka war ohnehin ein probates Mittel, die Leute gefügig zu machen. «Ein besoffenes Volk», soll Katharina die Grosse einst gesagt haben, «lässt sich besser regieren.» Und wer sich am Tisch von Alexander dem Grossen einen Fauxpas leistete, musste schon mal den «Zarenpokal» leeren: einen Liter Wodka in einem Zug.

«Er war ein Scherzkeks», sagt Katya, während Vlad seinen Mercedes routiniert durchs Petersburger Verkehrschaos steuert, vorbei an der berühmten Isaakskathedrale, deren Tore so gross sein sollen wie eine durchschnittliche Zweizimmerwohnung. Das bedeutet allerdings nicht nur, dass sie riesig sind, sondern auch, dass man hier eher auf kleinem Raum wohnt.

Wir überqueren die Newa auf der Schlossbrücke, die wie alle Newa-Brücken von St. Petersburg nachts für ein paar Stunden hochgezogen wird, damit die grossen Schiffe passieren können, und werfen einen Blick auf die Wiege der Stadtgeschichte: die Haseninsel mit der Peter-und-Paul-Festung. Herzstück der Festungsanlage, die militärisch nie eine Bedeutung hatte, ist die Kathedrale, die 1733 vom Tessiner Architekten Domenico Trezzini fertigstellt wurde.

 

 

 

 

Der Katharinenpalast in Puschkin beherbergt das weltberühmte Bernsteinzimmer; mindestens so eindrücklich ist der Ballsaal. Echt goldig: Wasserspiele im Peterhof. 

Vom Peterhof bis Puschkin

Vom Birzevaja-Platz hat man die beste Aussicht, auch auf die Eremitage am anderen Ufer. Ein Hochzeitspaar stösst gerade auf seine Zukunft an und wirft die Gläser hinter sich in den Fluss, was Glück bringen soll. Ihre weisse Stretch-Limousine versperrt uns den Weg, also warten wir geduldig. Katya erklärt uns derweil ihre Pläne für die nächsten zwei Tage. Ein Muss: natürlich die Eremitage, dann aber auch Peterhof (die Sommerresidenz Peters des Grossen) und Puschkin, der angesagte Vorort mit dem prächtigen Katharinenpalast und seinem weltberühmten Bernsteinzimmer. Möchte man sich alle Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen, unterbreche ich, müsste man wohl weitere sechseinhalb Jahre einkalkulieren. Katya lacht: «Etwas schneller geht das mit einer Bootstour durch die Kanäle.»

Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich und lehne mich im bequemen Lederpolster zurück, während Vlad uns zurück zum Hotel chauffiert, vorbei am berühmten Jugendstil-Café Singer und an der Kasaner Kathedrale, die dem Petersdom nachempfunden ist und von den Sowjets einst als «Museum für Atheismus» missbraucht wurde. Ansonsten erinnert in St. Petersburg kaum etwas an jene Zeit, als das einzige Fenster in den Westen die Ausstellung der Werke westeuropäischer Künstler in der Alten Eremitage waren.

«Ihr müsst schnell aussteigen», sagt Katya, als Vlad den Mercedes an den Strassenrand steuert. «Hier darf man nicht anhalten.» Wir springen aus dem Wagen und zwei Sekunden später hat uns der Menschenstrom auf dem Newskij-Prospekt verschluckt. Würden Bäume die Prachtstrasse schmücken, wir fühlten uns fast wie auf der Avenue des Champs-Élysées. Und das ist es wohl, was Moskau von St. Petersburg unterscheidet. Während man sich in der Hauptstadt immer in Russland fühlt, findet man hier auf Schritt und Tritt ein Stück Westeuropa. Was für ein spannender Kontrast!

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