St. Petersburg

Masleniza – anzünden, anzünden, anzünden!

Eine uralte, russische Tradition feiert ihre Renaissance: «Masleniza», die Butterwoche. Der schmackhafte Brauch mit seiner bewegten Geschichte wird ausgelassener zelebriert denn je und verwandelt St. Petersburg jeden Frühling in einen bunten Festplatz.

Franziska Hidber

Redaktorin Nordland-Magazin

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

Sonntag, 13. März, 18.45 Uhr 

Noch zehn Minuten. «Anzünden, anzünden, anzünden!», rufen die Leute im Chor, immer lauter, immer rhythmischer: «Anzünden, anzünden, anzünden!» Drei Sicherheitsmänner stellen Feuerlöscher auf, zwei Fotografinnen beziehen ihre Position und eine Frau fordert die Zuschauer auf, mindestens einen halben Meter zurückzuweichen, denn «es wird sprühende Funken geben, wir haben Ostwind». Oh ja, der Wind. Im Leisure Park auf der Elagin-Insel, eine von über 100 Inseln der Zarenstadt, geht die Bise an diesem Sonntagabend, dem Höhepunkt und Ende der Butterwoche zugleich. Noch acht Minuten, dann wird die fast zehn Meter hohe Masleniza-Puppe verbrannt, der Winter vertrieben, die Fastenzeit eröffnet. «Anzünden, anzünden, anzünden!», skandiert das Publikum, darunter viele Kinder, die meisten schwenken ihre eigene, kleine Masleniza-Puppe aus Stroh. Auch Erwachsene haben Puppen in allen Grössen und Formen mitgebracht. Noch vier Minuten. Jetzt wird ein Fernseher aus Eisen vor die Masleniza geschoben, auf dem Bildschirm steht: «Schlechte Nachrichten.» Gelächter rundum. Ein Sicherheitsmann bringt die zwei Meter lange Fackel, das Publikum tobt: «Anzünden, anzünden, anzünden!» Noch zwei Minuten.

Drei Tage vorher

«Zwanzig Minuten», sagt der Kellner, «so lange dauert es.» Ich sitze im Café Singer im ersten Stock und warte auf die russischen Pancakes. Direkt unter mir flanieren die Menschen über den fast fünf Kilometer langen Newskij-Prospekt, die berühmte Einkaufsmeile im historischen Zentrum von St. Petersburg. Benannt ist sie nach dem Grossfürsten und Nationalhelden Alexander Newskij. Prospekt steht für Perspektive, aus der man die Admiralität am einen Ende sieht, am anderen ist es das Alexander Newskij-Kloster. Mit seinen schicken Cafés, internationalen Labels und trendigen Restaurants erinnert eine der berühmtesten Strassen Russlands an die Avenue des Champs-Élysées. Mein Blick fällt auf die Kasaner Kathedrale mit ihrer mächtigen Kuppel. Augenblicklich wähne ich mich in Rom und das hat nicht nur mit dem blauen Himmel zu tun: Tatsächlich diente der Petersdom als Vorbild für den sakralen Bau – eines von über 2400 geschützten Kulturgütern allein in der Innenstadt. Der Cappuccino vor mir auf dem Tisch wirkt, als wäre er Teil dieser Inszenierung. Typisch St. Petersburg: Die 5-Millionen-Metropole an der Newa versprüht italienische Grandezza und französisches Flair – renommierte Bauherren aus Frankreich und Italien haben in der ehemaligen Hauptstadt ihre Handschrift hinterlassen. Doch die Pancakes, die der Kellner nun serviert, sind so russisch wie der Brauch der Masleniza.

Buttergelbe Sonnen

«Russische Pancakes?» Irina Nechaeva schüttelt den Kopf. «Blinis gehören zu Masleniza!» Blinis sind vergleichbar mit Crêpes, werden süss oder salzig gefüllt, und vor allem, sagt Irina, «spielen sie die Hauptrolle in der Butterwoche». Irina, waschechte St. Petersburgerin und Reiseleiterin, muss es wissen. «Blinis gehörten immer schon zu Masleniza, auch zu den Urzeiten, als man mit dem ursprünglich heidnischen Fest den Winter vertreiben wollte», fügt sie an. Denn die Blinis sehen aus wie kleine, gelbe, runde Sonnen – ein Symbol für den Frühlingsbeginn. Mit der Christianisierung kam ein weiterer Punkt hinzu: Während der ersten Fastenwoche war Fleisch untersagt, Butter, Eier und Rahm hingegen erlaubt.

Zwei Tage vorher

«30 Minuten», sagt Arthur Amosov und stellt den ersten Bliniteig zum Aufgehen in den 40 Grad warmen Ofen. Wir befinden uns in der Kochschule Krasivo podano, was übersetzt so viel wie «schön serviert» heisst. Jetzt stehen Quarksäckchen auf dem Programm und dafür braucht man einen Bliniteig ohne Mehl, aber mit Kartoffelstärke. «Der Teig muss so dünn sein, dass man durch ihn hindurch Zeitung lesen kann», kommentiert Arthur. Währenddessen verrührt er mit geübten Griffen die Kartoffelstärke mit Zucker, Salz, geschmolzener Butter und Milch, schneidet danach für die Füllung eine Vanilleschote auf, vermischt das Vanillemark mit Quark, gibt Rahm und Zucker dazu und presst schliesslich alles durch ein Sieb. Anschliessend kocht Arthur gefrorene Kirschen mit Zucker und Wasser auf und flambiert sie.

Die hohe Schule der Blinis

Es zischt, als er eine halbe Kelle voll Teig in die Gusspfanne gibt. Selbst Arthur, immerhin Chefkoch im geschichtsträchtigen St. Petersburger Literaturcafé, muss zusehen, wie dieses Blini ausfranst. Schnell schiebt er die angebackene Teigmasse mit dem Schaber zusammen: «Das erste Blini gleicht immer einem Schneeball», grinst er und füllt die nächste Schöpfkelle. Irina schmunzelt und erzählt, wie in früheren Zeiten am ersten Tag der Butterwoche, also am Montag, die Armen versorgt wurden: «Die ersten Blinis sollten stets an die Bettler gehen.»

 

Arthur vergleicht das erste Blini gerne mit einem Schneeball.

Damals beging man die Butterwoche nach einem strengen Regime: Am zweiten Tag zogen die unverheirateten Männer durch die Gegend und suchten sich eine Braut. Am Mittwoch verköstigten junge Frauen ihre ganze Verwandtschaft mit Blinis und zeigten so, ob sie zur Schwiegertochter und Ehefrau taugten. Am Donnerstag feierten alle gemeinsam das bevorstehende Winterende. Am Freitag suchten die Ehemänner ihre Schwiegermütter zum fröhlichen Blinischmaus auf. Am Samstag folgten weitere Verwandtenbesuche und am Sonntag schliesslich der Höhepunkt mit der Verbrennung der Masleniza-Puppe. Dazu gehört heute noch, dass man sich anschliessend um Vergebung für alle möglichen Vergehen bittet. Arthur ist zufrieden. Seine weiteren Blinis sind genau so, wie sie sein sollten: hauchdünn, zart und rund. Er selbst hat – wie fast alle Russinnen und Russen – das Blinibacken zu Hause gelernt. «Erst von der Oma, dann von der Mama», präzisiert er. Und: «Es gibt etwa 1000 verschiedene Gerüche. Einer der wichtigsten ist der Nostalgie-Geruch – jener Duft, der uns an unsere Kindheit erinnert oder an eine Person. In Russland ist das der Duft frisch gebackener Blinis.» Mit einem aufmunternden Blick reicht mir Arthur Kelle und Schüssel und zu meiner Überraschung fabriziere ich keinen Schneeball, sondern ein richtig hübsches Blini, das elegant aus der Pfanne gleitet. Arthur nickt anerkennend, schöpft Kirschen und Quarkmasse direkt auf das Blini und bindet dann das filigrane Kunststück mit einem in Zucker gekochten Streifen Mandarinenschale zu einem Säckchen zusammen. Es ist fast zu hübsch zum Essen, schmeckt aber wunderbar erfrischend mit den saftigen Kirschen und dem knusprigen Mantel. Ich kann mich davon kaum satt essen! «Das geht allen so», sagt Arthur und verweist auf die «Vermissblinis», die man vor allem früher nach der Butterwoche gegessen habe: «Sie bestehen nur aus Mehl und Wasser und sollten den Abschied von der Masleniza erleichtern.»

Die Butterwoche hat es in sich!

Ich fühle mich satt und prall, denn nebst dem Quarksäckchen degustierte ich auch Arthurs währschafte Hackfleisch- und Pilzblinis. Diese Butterwoche hat es in sich! Nun sitzen wir wohlgenährt im Auto. Wäre es nach Stadtgründer Peter dem Grossen gegangen, würden wir jetzt auf einem der Kanäle sportlich unserem nächsten Ziel entgegenrudern, wie in Amsterdam, jene Stadt, die als Vorbild diente. Soweit ist es nicht gekommen, aber mit 68 Kanälen und Flussläufen trägt St. Petersburg den Spitznamen «Venedig des Nordens» zu Recht. Jetzt, im März, sind die meisten Kanäle und sogar die Newa vereist. Doch die Frühlingssonne ist stark – ihr Glanz zaubert wundersame Muster aufs Eis, hier und dort sind erste Risse festzustellen, es taut – pünktlich zur Masleniza.

Einen Tag vorher.

Drei Minuten, höchstens. Länger dauern die Pausen zwischen den Rufen nie. «Maslenizas! Maslenizas! Maslenizas!» – Der Verkäufer hält seine Strohpuppen hoch und schreit gegen den Lärm des Jahrmarkts an. Immer wieder bleiben Leute stehen und kaufen. An den Bliniständen bilden sich Schlangen, grösser ist der Andrang nur noch vor dem Schaschlik-Grill. Es ist Samstag, es ist Masleniza, und der Babushkin-Park vor der Stadt quillt über vor kleinen und grossen Menschen, das Riesenrad dreht Runde um Runde, die Frau am Zuckerwattenkessel hat zu wenig Hände. Düfte vermischen sich: Fleisch, Rauch, Blinis, Zuckerwatte, Glühwein, Kaffee. Auf der Bühne messen sich Kinder im Wettsägen, nebenan gibt es einen Workshop für Masleniza-Puppen und tatsächlich brennt schon ein Feuer. Immer wieder bleibt ein Kind, eine Frau, ein Mann stehen und wirft eine kleine Stroh- oder Stoffpuppe hinein. Irina schüttelt den Kopf: «Das hätte es früher nie gegeben – wir warteten mit dem Feuer immer bis am Sonntag.» Während ihrer Kindheit sei Masleniza fast ausschliesslich in der Familie und mit der Verwandtschaft gefeiert worden.

In Irinas Kindheit hatte man Masleniza hauptsächlich in der Familie gefeiert.


nach Galinas Rezept

Blinis, leicht gemacht

  • 3 dl Mehl
  • 3 dl Kefir
  • 2 Eier, verquirlt

vermischen

 

  • 2 EL Zucker
  • 1 TL Salz
  • 1 TL Backpulver

dazugeben

3 dl siedendes Wasser beifügen, alles zu einem Teig verarbeiten. Den Teig ca. 30 Minuten gehen lassen, danach 8 EL Öl dazugeben. In einer Bratpfanne wenig Butter schmelzen lassen, einen halben Schöpflöffel Teig in die Pfanne geben, sobald der Rand hart wird, wenden. Nach Galinas Rezept - Prijatnawa appetita!



Sonntag, 13. März, 12 Uhr. Masleniza!

Daran erinnert sich auch Irinas langjährige Freundin Galina Sausheva: «Erst als meine Kinder klein waren, also nach der Sowjetzeit, wurde Masleniza wieder öffentlicher. In der Schule fand ein grosses Bliniessen statt, die Kinder trugen die russische Tracht. Natürlich gab es eine riesige Masleniza-Puppe und während die Mädchen und Buben um sie tanzten, sangen sie: «Masleniza, Masleniza, Blini, Blini, Blini!» Galina giesst Kefir in die Schüssel und hätte vor lauter Erzählen beinahe das Backpulver vergessen. Wir stehen in Irinas kleiner Küche und während Galina in Fotos und Erinnerungen kramt, fertigt sie ganz nebenbei einen Bliniteig nach einem alten Rezept an, davon hat sie unzählige. Unterdessen stellt Irina Kaviar, Sauerrahm, Honig und ein Mus aus schwarzen Johannisbeeren auf den Tisch und erklärt en passant das Prinzip des «Samowars», eines russischen Teekochers. Die Tafel ist so opulent gedeckt, als würde sich demnächst Peter der Grosse dazusetzen. Diesen – oder genauer: seine Kopie – treffen wir später im Sommergarten, dem ersten öffentlichen Garten der Stadt, angelegt wie der Park von Versailles. Noch später fahren wir über die Newa auf die Elagin-Insel, wo das Fest in vollem Gange ist, ein Schild vor den fliegenden Eichhörnchen warnt und die Masleniza-Puppe ergeben auf ihre Verbrennung wartet.

Sonntag, 13. März, 18.53 Uhr. Noch zwei Minuten.

«Zurück!», ruft der Sicherheitsmann, «einen halben Meter zurück, alle!» Für einen winzigen Moment wird es still, doch dann erfüllt der Chor den Vorfrühlingsabend wieder: «Anzünden, anzünden, anzünden!» Die Fernsehcrew rückt näher an die Puppe, Jubel braust auf, als einer der Männer die Fackel entzündet. Noch eine Minute. Der Fackelträger schreitet langsam, fast würdevoll, auf die Masleniza-Puppe zu, begleitet vom Sprechgesang des Chors: «Anzünden, anzünden, anzünden!» Ein Mädchen weint, seine kleine Masleniza ist über die Absperrung in den Schnee gefallen, jemand klettert über das Geländer und holt sie. Der Mann nähert sich mit der Fackel Schritt um Schritt – dann ist sie da, die Sekunde null: Er hält die Fackel an die Puppe, deren roter Stoff sofort Feuer fängt, während die Leute klatschen und man «Masleniza, Masleniza»-Rufe hört. Die Flammen fressen sich rasend schnell durch das Kleid der Puppe. Sicherheitsleute holen von allen Seiten kleine Maslenizas und werfen sie ins Feuer. Inzwischen sieht man schon das Gerüst. Es knistert und knackt und zischt, während riesige, orange Funken vor den dunklen Bäumen und dem Abendhimmel aufsprühen. Es brennt und brennt, die Leute schauen und schauen, immer wieder ertönen «Masleniza»-Rufe. Schliesslich steht nur noch das Gerüst, der Ostwind trägt den Rauch in die Gesichter, Menschen fallen sich in die Arme und lachen. Und dann ist es auch schon vorbei, die Leute strömen aus dem Park, der Rauch verzieht sich. Poka-poka, tschüss Masleniza, bis nächstes Jahr. Am Wegrand liegt ein vergessenes Strohpüppchen, ab morgen sind Vermissblinis Trumpf und jetzt heisst es Durchhalten bis Ostern. Noch sieben Wochen.

 

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