Baltikum

Drei Länder - eine Entdeckung!

Zwanzig Jahre nach der Loslösung von der Sowjetunion präsentieren sich Estland, Lettland und Litauen lebenslustig, modern und ambitioniert. Das Baltikum besticht aber auch als geballte Ladung Schönheit – und überrascht an allen Ecken und Enden.

Christoph Zurfluh

Freier Journalist

Schon als Teenager bereiste Christoph Zurfluh per Interrail Skandinavien. Später führte ihn seine Arbeit für Kontiki immer wieder dorthin. Die Liebe zum hohen Norden teilen auch seine beiden Kinder.

Nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadtmauer Tallinns mit ihren 26 schmucken Türmen landet die Maschine der estnischen Fluggesellschaft «Estonian», und wir machen unsere ersten Schritte auf baltischem Boden. Zugegeben: Wir fühlen uns ein wenig abenteuerlich, denn wir kennen das Baltikum – wie die meisten Schweizer – nur vom Namen her und stellen uns bereits darauf ein, mit dem Taxifahrer um den Preis für die Fahrt zum Hotel zu feilschen. Leicht beschämt und ziemlich überrascht müssen wir allerdings schon bald feststellen, dass Estland kein rückständiger osteuropäischer Kleinstaat, sondern die ITNation schlechthin ist: Hier bezahlt man Taxirechnungen mit Kreditkarte und den Parkplatz per Handy, man wählt das Parlament übers Internet und loggt sich ganz selbstverständlich bei der Schule ein, um die aktuellen Noten der Knöpfe zu checken. Wen wundert’s da noch, dass es Studenten der estnischen Universität Tartu waren, die Skype erfunden haben und dass man überall und jederzeit gratis Internetzugang hat? Kostenloses WiFi ist hier nicht nur ein Grundrecht, sondern die Basis des estnischen Alltags.

«Estland», erklärt uns wenig später Jürg Würtenberg, Präsident der SchweizerischBaltischen Handelskammer in Tallinn, «Estland ist die Schweiz des Ostens. Und der Musterknabe der EU.» Ohne zu murren haben die Esten den Euro eingeführt, Soldaten in den Krieg nach Afghanistan geschickt und ihre Staatsverschuldung mit drastischen Sparmassnahmen auf rekordtiefem Niveau gehalten: Sie beträgt sagenhafte sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts – mehr als fünfmal weniger als die der Schweiz!

Estland mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern ist seit bald dreissig Jahren Jürg Würtenbergs Wahlheimat. Von seinem Büro auf dem Tallinner Domberg blickt man über die bunten Dächer der mittelalterlichen Altstadt, die so zauberhaft ist, dass die UNESCO sie 1997 komplett unter ihren Schutz gestellt hat. Hier machen sich in historischen Hanse-Häusern trendige Cafés und Restaurants, Bars, Boutiquen und Souvenirshops breit. Der riesige Rathausplatz ist dabei Drehscheibe, Flaniermeile und so etwas wie die gute Stube der «europäischen Kulturstadt 2011». An schönen Sommertagen kommt hier schon fast mediterranes Ambiente auf.

Wir schlendern durch die kopfsteingepflasterten Gässchen des Domhügels, vorbei an der Aleksander-Nevski-Kathedrale und der Domkirche, und schauen von der nahen Aussichtsplattform über die Stadt, die auf der einen Seite ans Meer stösst und sich auf der anderen Seite im Dunst verliert. Irgendwo dort, weit, weit unten, wartet Riga, die Hauptstadt des Nachbarlands Lettland – unser nächstes Ziel.

 

Jugendstil in Riga

Durchs Baltikum zu reisen entspannt. Die Länder sind dünn besiedelt, die Strassen wenig befahren, die Landschaft über weite Strecken kaum berührt, aber gespickt mit echten Trouvaillen. Mal taucht aus dem Nichts eine mächtige Befestigung auf wie die Burg Turaida im Gauja-Nationalpark, mal lockt ein authentischer Gasthof mit Hausmannskost – in Estland beispielsweise Pirukad (Teigtaschen mit Fleisch und Gemüse), in Lettland Pīrādziņi (Hefeteigtaschen mit Speck und Zwiebeln, Pilzen oder Kohl) und in Litauen Cepelinai (Kartoffelklösse mit Hackfleischfüllung). Dazu gibt’s Bier, das Nationalgetränk der Balten. Die Grenzen zwischen den drei Staaten sind so offen wie das Meer, das mit herrlichen Badestränden und romantisch wilden Küsten gefällt.

Bezirzt Tallinn mit mittelalterlichem Charme, glänzt das 300 Kilometer entfernte Riga mit seinem Jugendstil, der die Fassade von 800 Gebäuden ziert, und seinen Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert. «Dieses Erbe zu bewahren, ist allerdings eine kostspielige Angelegenheit», erzählt der Deutsche Matthias Knoll, der als Schriftsteller nach der Wende nach Riga kam und blieb – damals wohl ebenso überrascht wie wir heute von der Faszination der lettischen Metropole, deren Zentrum ein einziges Kulturdenkmal ist. Seine Liebe zur Stadt hat er in seine «LiteraTour durch Riga» gepackt, eine Stadtwanderung der eindrücklichen Art: Emotionen statt nüchterne Fakten, Gedichte und Geschichten statt lange Erklärungen.

Als der Lyriker vor zwanzig Jahren nach Riga kam, gab es allerdings noch nicht einmal eine Strassenbeleuchtung. Heute unterscheidet es sich in Sachen Infrastruktur in nichts von einer durchschnittlichen europäischen Grossstadt, und seine architektonischen Schätze wie der Dom, die Petrikirche oder das Schwarzhäupterhaus im Herzen der Unescogeschützten Altstadt erstrahlen auch nachts im besten (Scheinwerfer-) Licht.

Wir passieren das Schwedentor (ein Teil der alten Stadtbefestigung), biegen auf der Torna iela rechts ab und machen es uns in der «Taverna» gemütlich. Die rustikalen Holzbänke und -tische passen perfekt zum Angebot, das lettische Traditionsküche verspricht. Wir löffeln zufrieden in unseren mit währschafter Suppe gefüllten Brotlaiben und studieren die Landkarte. Erneut 300 Kilometer sind es bis Klapeida, dem Ausgangshafen zur Kurischen Nehrung, unserem nächsten Ziel.

Bernstein in Nida.

Nur zehn Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre nach Smiltyne. Dann nehmen wir Kurs auf Nida. Rund 100 Kilometer lang und maximal 3,8 Kilometer breit ist der schmale Landstreifen, der nur zur Hälfte zu Litauen gehört: Bei Kilometer 52 beginnt die russische Exklave Kaliningrad – Sperrgebiet für Spontanreisende.

«Tja, die Russen», sagt Kazimieras Mizgiris lächelnd und schenkt uns noch ein Gläschen von seiner Hausmischung ein. «Die haben mir meine Lieblingsdüne geklaut.» Die liegt seit der Unabhängigkeit Litauens nämlich hinter der russischen Grenze. Doch das kann den «Bernsteinkönig» von Nida nicht wirklich erschüttern. Denn auch die Dünen auf litauischer Seite dürfen sich sehen lassen und sein Geschäft läuft wie geschmiert. Allein in Nida besitzt der gelernte Fotograf drei Galerien und ein Museum, doch es gehe hier weniger ums Geschäft, so schwört er beim dritten Glas Bernstein-Schnaps, als ums Herz. «Als Künstler musst du dem Stein eine Seele geben», sagt er nachdenklich und wiegt einen handballgrossen Klumpen Bernstein in den Händen. «Ist ein Werk bloss Kommerz, ist es nichts wert.» Was denn der Brocken kosten würde, den er da grad in den Händen halte, wollen wir wissen. Kazimieras Mizgiris schaut ihn prüfend an. «Vielleicht 30 000 Euro», sagt er ungerührt. Und uns bleibt die Spucke weg. Dann schenkt er noch einen winzigen Schluck nach. «Auf das Leben, das es gut mit uns meint!», sagt er. «Und all seine überraschenden Augenblicke!»

Barock in Vilnius

Und wieder sind es genau 300 Kilometer: Eine hervorragend ausgebaute Autobahn führt von Klapeida nach Vilnius, der Dritten im Bunde der baltischen Metropolen. Die Hauptstadt Litauens ist im wahrsten Sinne eine Grenzerfahrung: Sie steht exakt zwischen zwei Kulturen – der lateinischen und der byzantinischen. Die Altstadt (auch sie UNESCO-Welterbe) ist ein barockes Juwel und geprägt von schmalen, mittelalterlichen Gassen, lauschigen Hinterhöfen und einer Vielzahl von Kirchen, Klöstern und Burganlagen. «Vilnius war schon immer Multikulti», erklärt Fremdenführerin Lena Lagunaviciene schmunzelnd, während wir dem Treiben auf dem Kathedralplatz im Herzen der Stadtzusehen. «Polen, Russen, Juden und natürlich Litauer bilden seit jeher einen bunten Mix, der heute dank unserer Universität noch vielfältiger ist.» Über 20000 Studenten machen Vilnius zur jugendlichen Metropole mit vielen szenigen Bars und Restaurants. Und genau diese Dynamik ist es, die der Stadt mit ihren rund 550000 Einwohnern viel Selbstbewusstsein gibt. Sie steht ihren berühmteren Schwestern Tallinn und Riga in nichts nach und rundet die «Überraschung Baltikum» harmonisch ab.

Überraschend bis zum Schluss

Und so sitzen wir am letzten Abend unserer «Dreiländerfahrt» rundum zufrieden im Restaurant Aula mitten in der Altstadt und trinken das letzte baltische Bier vor der Abreise. Vor unserem Tischchen im Freien flanieren – gut gelaunt und herausgeputzt – die Nachtschwärmer. Ein in die Jahre gekommener Strassenmusikant liefert den passenden Soundtrack, und die jungen Studenten am Nebentisch sorgen mit ihrem Lachen für eine entspannte Atmosphäre.

«Ihre Getränke sind bereits bezahlt», sagt der Kellner freundlich, als wir aufbrechen wollen. Wir schauen uns um, und weit hinten winkt uns Fremdenführerin Lena Lagunaviciene lächelnd zu, bevor sie sich wieder ihrem Mann zuwendet. Sie sind einfach immer für eine Überraschung gut, die Balten, denken wir und winken irgendwie gerührt zurück.

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