Mittsommer

Der Tanz der hellsten Nacht

Wenn die Sonne die Nacht zum Tag macht, gerät ganz Finnland in Festlaune und feiert Juhannus. Wie Familie Kuusisto aus der Nähe von Luosto über dem Polarkreis: Sie zelebriert den Sommerbeginn mit drei Premieren, zwei alten Traditionen und einem neuen Fest.

Franziska Hidber

Redaktorin Nordland-Magazin

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

«So muss Juhannus sein!»

Ein Tag mit Familie Kuusisto:

09:00 Uhr

Sechs Kinderaugen schauen gebannt auf zwei geschickte Hände: Olli (13), Enni (11) und Aatu (8) verfolgen, wie ihre Mutter Paula Kuusisto den letzten Rahmtupfer auf die Erdbeertorte setzt. «Die ersten Erdbeeren des Jahres gehören unbedingt zu Juhannus», sagt Paula und stellt die Torte auf die Anrichte. «Die gibt es später, zum Festessen.» Hell und behaglich ist es in der Küche des Landhauses der Familie, etwa zehn Kilometer ausserhalb von Luosto, 90 Autominuten östlich von Rovaniemi entfernt, der Hauptstadt Lapplands am Polarkreis. Es riecht nach Vorfreude und Fest. Aber draussen! Draussen geht gerade ein Platzregen nieder, der sich gewaschen hat. Ausgerechnet heute, am Juhannus-Freitag!

10:00 Uhr

Im Birkenwäldchen auf dem Familienanwesen zückt Olli sein Messer – er hat es selbst in der Schule gefertigt, ebenso das Etui aus Leder. Wie seine Geschwister schneidet er die jungen, zartgrünen Birkenzweige ab. «Für die Birkensauna», sagt Familienvater Pekka und lacht: «Für mich einer der Höhepunkte an Juhannus.» Mit schnellen Griffen bindet er die Äste zu sogenannten «Vastas», also Büscheln, zusammen. Dann kappt er zwei junge Birken und macht sie am Hauseingang fest: «Birken sind das wichtigste Symbol an Juhannus – sie stehen für Lebenskraft und Fruchtbarkeit.» Rund ums Haus hat Paula den Garten frisch bepflanzt: «Unser Sommer ist kurz, aber intensiv. Es gilt, jeden Tag zu nutzen.» Für die Lehrerin ist die Zeit der Mitternachtssonne auch nach sieben Jahren in Lappland wie ein Wunder: «Es sind sehr spezielle Wochen. Ich habe viel mehr Energie und brauche deutlich weniger Schlaf. Das gilt auch für die Kinder.»

11:00 Uhr

Der Regen hat nachgelassen, der Wald wirkt wie frisch gewaschen, überall spriessen die hellgrünen Birkenblätter. Wie ein Teppich liegen die Heidelbeeren und blühen, genau wie die «Lapplandblumen», die immer zur Zeit der Sonnenwende gelb leuchten. Wir wandern ein Stück durch den Nationalpark Pyhä-Luosto. Aatu freut sich über skurrile Baumstämme, Olli über die Felsen und Steine und die Schlucht, Enni pumpt frisches Wasser. «Dass wir an Juhannus in die Natur gehen, ist ein Teil unserer Familientradition», bemerkt Pekka. Damit seien sie nicht allein: «An diesem Wochenende fahren die meisten Finnen in ihre Sommerhäuser aufs Land und feiern dort mit Freunden und Verwandten, es wird gerudert, geschwommen oder gewandert. Die Städte sind dann wie ausgestorben.»

12:00 Uhr

Pekka hat in der Kota, dem typisch finnischen Holzhäuschen mit offener Feuerstelle mitten im Wald, ein Feuer entfacht. Das Holz knackt, Feuergeruch erfüllt das kleine Haus in Zeltform. Paula holt getoastete Baguettes, Crevetten, Dill und ihre berühmte Mayonnaisesauce aus dem Rucksack – damit belegen wir uns ein Juhannus-Brot. «Es ist die Luxusvariante», scherzt Pekka, «meistens braten wir draussen Würste.» Er stellt die Kuksas, die typischen Holztassen, auf den Tisch und füllt sie – noch mehr Luxus – mit Schaumwein. Von wegen Beerensaft und Tee. Nachher gibt es Heidelbeer-Schokolade und natürlich Kaffee, wie bei jeder Gelegenheit in Finnland. Kippis Juhannus!

14:00 Uhr

Also doch! Die Sonne hat nicht vor, ihren Ehrentag zu verpassen. Nun kommt Ennis Stunde – ihr erstes Bad des Jahres im See. Verheissungsvoll glitzert das tiefblaue Wasser des Aarnilampis, die Tannen spiegeln sich darin, die Wolken; die Sonne wärmt, wir ziehen die Jacken aus. Enni, die Mutige, tut es tatsächlich: Nach einigem Zaudern auf dem Steg, auf das «Yksi, kaksi, kolme!», eins, zwei, drei, ihrer Mutter springt sie – und schwimmt. Olli, selbst ein begeisterter Taucher und Schwimmer, applaudiert. Das Baden in den zahlreichen kleinen Seen (Lampis) der Umgebung ist sein grosses Hobby und der Grund, weshalb er den Sommer dem Winter vorzieht. Aber noch ist ihm das Wasser mit gut 13 Grad zu kalt.

16:00 Uhr

Birkensauna! Es riecht fantastisch – nach Frühling, nach Frische, nach Kraft. Wir sitzen in der Haussauna und schauen durchs kleine Fenster direkt in den Birkenwald gegenüber. Paula giesst das Wasser aus dem Topf mit den Birkenzweigen über die Steine, es zischt und dampft, der Birkenaufguss nebelt die Sauna ein. «So, und jetzt kommen die Schläge», sagt sie mit einem Augenzwinkern und klopft mit der Vasta Enni sanft auf den Rücken und die Beine. «Das ist gut für die Durchblutung», erklärt sie, und übergibt das Büschel an Enni, dann bin ich an der Reihe. Tatsächlich fühle ich mich nach fünf Birkensaunagängen wie frisch geboren. Ich könnte mindestens eine Birke ausreissen, wenn nicht zwei.

17:00 Uhr

Wir nehmen Platz am festlich gedeckten Tisch. Es riecht betörend, und alle haben Appetit nach der Sauna und langen kräftig zu: Salat, Lachs, Kartoffeln, Pilzsauce – und Sauermilchkäse. «Eine Juhannus-Tradition aus meiner Kindheit», erzählt Paula. Pekka schenkt Wein ein, die Kinder trinken Sauermilch oder Milch, Aatu vertilgt eine junge Kartoffel nach der anderen. Und dann, endlich – die Torte! Es wird still am langen Esstisch, nur das Schaben der Kuchengabeln ist zu hören. Ah! Pekka lehnt sich zufrieden zurück: «Die ersten Kartoffeln, die ersten Erdbeeren, die erste Birkensauna – so muss Juhannus sein!» Für ein Verdauungsschläfchen bleibt keine Zeit – das Juhannus-Fest in Luosto ruft. Pekka als Generalmanager des Hotels Luostotunturi hat es initiiert, gemeinsam mit dem Dorfverein Luosto. Heuer wird es erst zum zweiten Mal gefeiert. Als das Taxi vorfährt und uns abholt, steht die Sonne hoch am blauen Himmel.

« Juhannus ist wie Weihnachten»

18:00 Uhr

Die Finnlandflagge liegt bereit – nur an Juhannus darf sie in der Nacht wehen. Schnell stellt Matti Soini, Präsident des Dorfvereins Luosto und Festorganisator, zwei Stühle in die Nähe des Flaggenmasts. Zwei Akkordeonistinnen nehmen Platz. An die 100 Menschen haben sich vor dem Hotel Luostotunturi zum Juhannus-Fest versammelt. Das sind viele, wenn man bedenkt, dass Luosto lediglich 70 Einwohner zählt. «Auch Gäste vom Hotel und den Blockhäusern sind gekommen», freut sich Pekka. Schlag sechs erklingen die ersten Akkordeontöne, erst eine lappländische, dann eine finnische Weise. Matti und eine Helferin hissen die Fahne, bis sie weit oben im Wind flattert, die Leute applaudieren. Junge Birken weisen den Weg zum Festplatz am Ahvenlampi, dem kleinen See hinter dem Hotel. In der Kota brutzeln die ersten Würste, Getränke werden über die Theke gereicht, natürlich auch das regionale Bier. Dass an diesen Tagen der Alkohol reichlich fliesst, entspricht einer uralten Tradition: Früher nämlich glaubten die Finnen an die Bauernregel «Je mehr Alkohol in der Mittsommernacht, desto reicher die Ernte». Damals war Juhannus noch ein Erntedankfest, das zu Ehren der Gottheit Ukko (Gott des Wetters, der Ernte und des Donners) abgehalten wurde. Der Name «Juhannus» dagegen tauchte erst nach der Christianisierung auf, in Gedenken an Johannes den Täufer.

 

Zurück in die Gegenwart. Mauno, das Dorforiginal, hat sich zur Feier des Tages einen Blumenkranz um den Kopf gewunden und schwenkt gut gelaunt die Wodkaflasche: «Hey, es ist Juhannus!» Plötzlich wird es laut: Kari Sunnela, bekannt unter dem Künstlernamen «Snuupi », trommelt erst wie ein Wilder, dann lässt der Lärm seiner Miniaturkanone den kleinen Waldplatz am See erschüttern. «An Juhannus wurde schon immer Lärm gemacht», weiss der einheimische Performance-Künstler, «man wollte die bösen Geister vertreiben.»

Die Akkordeonistinnen nehmen ihr Spiel wieder auf, immer mehr Leute tanzen auf dem Waldboden – im Sommerkleid, in Pumps, in der Wanderjacke oder in Trekkingschuhen. «Polka!», rufen einige, «spielt Polka!» Später: «Humpa!» Noch später: «Tango!» Und die Akkordeonistinnen spielen, spielen, spielen. Polka, Humpa, Tango. Ein Gast aus dem Süden des Landes trägt mit kraftvoller Stimme ein Volkslied vor, berührend, sentimental. Rundum verebben die Gespräche. Es wird erst still, dann singen die Ersten mit, dann immer mehr und mehr, bis irgendwann der letzte Ton verklingt und Gelächter und Gespräche wieder anschwellen. Eine junge Studentin, die hier aufgewachsen ist und jetzt in Rovaniemi wohnt, begrüsst das halbe Dorf: «Juhannus ist wie Weihnachten», sagt sie. «Man kehrt zurück in die Heimat, trifft sich mit Freunden.» Pekka zaubert grinsend eine Flasche Schaumwein hervor: «Dass wir Finnen nur Bier trinken, muss ein Gerücht sein.» Der Rekordhalter in Dart versucht, seinen eigenen Rekord zu brechen, Familie Kuusisto übt sich im Frisbee-Golf, beim Korbwurf warten einige Ungeduldige: Sie wollen endlich ihr Glück versuchen.

 

Die Akkordeonistinnen spielen, Mauno tanzt. Markko, der Gäste aus aller Welt auf Safaris in die Umgebung begleitet, holt noch ein Bier. Es ist unbeschwert und gemütlich, nur Matti, der Festchef, hat alle Hände voll zu tun und isst seine Wurst im Gehen. Mauno bietet reihum Wodka an, weiter vorne flackert ein kleines Feuer, das «Juhannus-Kokko», wie es an diesem Abend unzählige in Finnland gibt. Sie sollen – genau wie der Lärm – allfällige Geister fernhalten. Familie Kuusisto verabschiedet sich, ihr Taxi wartet. Ist es schon Nacht? Noch Tag? Oder wieder Tag? Morgen auf jeden Fall ist Samstag – der Hauptfeiertag. In Finnland fällt Juhannus auf den Samstag zwischen dem 19. und 26. Juni, allerdings finden die Festivitäten jeweils am Freitag statt: «Damit wir uns am Samstag erholen können», sagt Markko verschmitzt, bevor auch er sich auf den Heimweg macht. Hell leuchtet die Sonne, spiegelt sich im See. Die Akkordeonistinnen greifen für die letzten hartnäckigen Tanzpaare in die Tasten, die letzten Getränke gehen über den Tresen. Gesprächsfetzen sind zu hören, Gelächter, neben dem Hotel weiden ein paar Rentiere. Es ist Juhannus in Luosto; es ist Nacht, es ist Tag, und die Sonne scheint.

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