Island im Herbst

Abenteuerliche Reise in die Fjorde

Am 1. September 2007 brach ich zu meinem bisher grössten Abenteuer meines Lebens auf. Ich packte mein ganzes Hab in den Peugeot 306, verabschiedete mich von Sigrún und Ingólfur, in deren Gärtnerei in Südisland ich während einigen Monaten Tomaten gepflückt und Topfpflanzen verpackt hatte, und fuhr los.

Ich hatte eine Destination, einen Kontakt, ein versprochenes Dach über dem Kopf, aber keine Arbeitsstelle, keine Freunde, bloss Zuversicht.

Bei Brú bog ich von der Ringstrasse in die Westfjorde ab. Schon nach ein paar Kilometern ging die Strasse in Schotter über. Es muss ein regnerischer Sommer gewesen sein, denn sie war von unzähligen Löchern gepickt. Die Isländer raten, dass man in diesem Falle aufs Gas drückt, denn ab 80km/h fliege man ganz einfach über die Schlaglöcher hinweg. Mein Peugeot weigerte sich aber strikt, abzuheben. Egal. Ich hatte es nicht eilig. Auf dem menschenleeren Campingplatz im Fischerdörfchen Hólmavík schlug ich mein Zelt auf. In der Nacht fror ich.

Fotos und Text: Joachim B. Schmidt

Joachim B. Schmidt

Der Bündner Joachim B. Schmidt arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Reiseleiter in Island. Er lebt mit Frau und Kindern in Reykjavík.

https://joachimschmidt.ch/

Herbstliche Inspiration

Am nächsten Tag fuhr ich früh los, klamm aber entschieden. Mein Peugeot meisterte die holperige Fahrt über die Pässe bis nach Ísafjörður. Der Fjord lag nebelverhangen da, das Wasser spiegelglatt, es war windstill, kühl, aber meine Kontaktperson empfing mich warm. Tags darauf suchte ich mir eine Arbeit, latschte ins Restaurant Edinborg und wurde an Ort und Stelle eingestellt, bediente fortan Gäste und bereitete einfache Gerichte zu. Damit nahm mein Abenteuer, meine Fahrt ins Ungewisse, ein unspektakuläres Ende. Doch meine neue Heimat beeindruckte und inspirierte mich. Während den ersten Wochen in Ísafjörður schrieb ich die letzten Kapitel des Romanes «Moosflüstern». Ich liess den armen Protagonisten von einem dieser schroffen Berge, die mich jetzt umgaben, ins kalte Meer fallen, und irgendwie fiel ich mit ihm, denn die Herbstluft war so frisch, meine Zukunft so ungewiss, als befände ich mich im freien Fall. Meine Tränen tropften aufs Papier. Wer sich im Herbst in die Westfjorde begibt, muss sie mögen, die Einsamkeit.

Herbst ist Aufbruch

Ein paar Jahre sind seit meinem Abenteuer vergangen. «Moosflüstern» und weitere Islandromane sind inzwischen veröffentlicht worden, Island hat eine Finanzkrise und vier Vulkanausbrüche überstanden, die Tourismusbranche hat geboomt – und ist seit der Covid-19-Pandemie wieder so bescheiden geworden, wie sie 2007 war. Mein Peugeot gibt es nicht mehr. Indes wühlt mich der Herbstwind immer wieder aufs Neue auf, erinnert mich an meine Reise ins Ungewisse. Ich sehe den wolkenverhangenen Fjord vor mir, spüre das Kribbeln der Abenteuerlust, das Zerren der Einsamkeit. Dabei bin ich alles andere als einsam. Inzwischen wohne ich in der regen Hauptstadt Reykjavík, habe Frau und Kinder, einen Freundeskreis und einen Toyota. Doch tief drinnen in mir knurrt der Wanderer, flattert der Zugvogel. Ich beneide mein jüngeres Selbst, das so unbeschwert sein weniges Hab in den Peugeot laden und irgendwo hinfahren konnte. Herbst ist auch die Zeit des Aufbruches. Die Zugvögel wissen das. Sie verschwinden meist unmerklich, sind einfach plötzlich nicht mehr da, die Goldregenpfeifer und Regenbrachvögel, die Bekassinen und Küstenseeschwalben. Letztere haben einen weiten Weg vor sich, fliegen tausende von Kilometern bis an den Rand der Antarktis.

Es blüht das kulturelle Leben

Die Wildgänse haben es nicht so eilig. Sie üben, fliegen in V-Formation singend und schnatternd kreuz und quer über die Fjorde, etwas unkoordiniert noch, uneinig. Und dann sind auch sie plötzlich weg, haben sich also auf eine Himmelsrichtung einigen können; Süden. Es wird still in den Fjorden. Die Sonne steht nun viel tiefer am Himmel, die Tage werden merklich kürzer, die Schatten der Berge füllen ganze Täler. Man schaut in den Herbsthimmel und realisiert, dass man zurückgelassen worden ist, dass man zu den Kreaturen gehört, die dableiben, dem Winter trotzen wollen. Aber man wird belohnt. Die Herbstfarben sind auch in Island intensiv. Feuerrot und goldfarben glühen die Hänge und kleinen Wälder. Das Moos und die Flechten auf den Basalt- und Lavasteinen beginnen zu leuchten. Indes erwachen die grösseren Ortschaften zu regem Leben. Die Kulturnacht in Reykjavík, die normalerweise Ende August über die Bühne geht, zelebriert das kulturelle Leben in der Hauptstadt. Ein mächtiges Feuerwerk kurz vor Mitternacht bildet den donnernden Abschluss, und währenddem am inzwischen dunklen Nachthimmel die letzten Funken verglühen, wird jedem bewusst, dass der Sommer definitiv vorbei ist.

Flammende Farben

Den isländischen Herbst in Worte fassen, ist eine Kunst. Niemand hat dies so eloquent zu Papier gebracht, wie der isländische Schriftsteller Gunnar Gunnarsson. In seinem bald 100-jährigen Roman «Schiffe am Himmel» schreibt er: «… Die Nächte werden lang, es ist Herbst. Über dem frohen, noch hellblauen Abendhimmel spielt die lange goldene Flamme des Nordlichts und macht einen froh, macht einen traurig. Das Wasser ist nicht mehr freundlich. Es schneidet, wenn man hineingeht. Der Bach schleicht sich mager und entmutigt, kälteschaudernd zwischen Kanten aus dünnem, klarem Eis dahin. Manchen Morgen sind die Berge grau von Schnee, bis zu einer Linie gerade gegenüber den Höfen. Die Almen liegen gelb und verblichen da, Hügel und Hänge brennen rot von Heidekraut, flammen von vielen Farben. Die Luft ist hell und scharf, die Dunkelheit sehr schwarz. » Obwohl man sich diesen Herbstbeschrieb des Meisters Gunnarsson auf der Zunge zergehen lassen kann, gibt es etwas, das noch besser ist: Mit Leib und Seele in ebendiesem rotflammenden Heidekraut zu sitzen und süsse Blaubeeren aus den Stauden zu pflücken. Dann ist man nämlich nur glücklich.


Wann soll man denn nach Island reisen?

Joachim B. Schmidt weiss Rat:

Joachim B. Schmidt

Jeder Monat hat seinen Charme. Der Juni ist der hellste Monat, der Juli der wärmste, der August mit seinen kulturellen Veranstaltungen der lebhafteste. Aber der September ist der schönste! Indes stehen im Oktober die Chancen, Nordlichter zu sehen, am besten; wenn sich Tag und Nacht die Waage halten, die Winterstürme aber noch nicht über die Vulkaninsel fegen. Um die Lichter am Himmel tanzen zu sehen, braucht es Dunkelheit. Gelegentlich zeigt sich das Nordlicht schon im September am Sternenhimmel. Dazu braucht es aber Glück.

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