Unterwegs abseits der Trampelpfade

Islands Westen ist wild

Island war Neuland und ich ziemlich überwältigt, als ich die Insel das erste Mal betrat. So viel und so wenig zugleich. Um es vorweg zu nehmen: Ich werde wieder zurückkehren, irgendwie habe ich mich in Island verliebt. Meine Vestfirðir-Reise, abseits der touristischen Trampelpfade, war voller wilder Überraschungen, Entdeckungen und Abenteuer. Also starten wir den vollgetankten Fourwheeler mit Navi. Eine Stunde später, die Hauptstadt Reykjavík liegt hinter uns, umrunden wir den Hvalfjördur, einen pittoresken Fjord. Sehr schnell lernt man die isländischen Strassenverhältnisse kennen: Geteerte Strassen, Natur- und Schlaglöcherstrassen. Am besten vertraut man dem Navi, auch wenn Zweifel aufkommen. Eine halbe Stunde später sind wir am Ziel.

Helmi Sigg

Autor und Journalist

Helmi Sigg arbeitete als Komiker, Musicaldarsteller, Unternehmer und ist heute als Autor und Journalist tätig. Zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Barbara Sigg, realisiert er Reisereportagen, die ihn immer wieder in den Norden führen.

Trolliges Fossatún

Eine Brücke führt über den Grimsá Fluss, uns begrüsst ein breiter Wasserfall. Was aber noch mehr heraussticht, ist die riesige Trollfigur auf der Hügelkuppe über der ländlichen Hotelanlage, bestehend aus flachen Gebäudekomplexen oder originellen Einzimmer-Hütten. Dazu kommen Trollwege, Trollgeschichten, Trollfiguren. «Im Jahre 2001 kauften wir das Grundstück, es hat uns sofort in Beschlag genommen», erklärt uns der Besitzer des Fossatún Country Hotel, Steinar Berg. «Ich hängte meinen alten Job als Musikproduzent an den Nagel und fing ein neues Leben an. Der Hof und der Trollwasserfall inspirieren mich, Geschichten zu schreiben.» Steinar ist inzwischen ein bekannter Autor mehrerer Bücher mit Trollgeschichten.

Sturm und Hákarl

Auf nach Stykkishólmur. Das Wetter dreht. Wir umrunden die Halbinsel Snæfellsnes. Man hat uns geraten für jedes Wetter bereit zu sein. Im idyllischen Arnarstapi sind wir innert Kürze völlig durchnässt. Es lohnt sich die Ersatzkleider immer griffbereit im Wagen zu haben. Der Küste entlang geht es zum Haimuseum in Bjarnarhöfn. Guðjón Hildibrandsson erklärt uns wie der Grönlandhai seit Generationen fermentiert und getrocknet wird. Die isländische Spezialität heisst Hákarl und wird mit einem Schluck Brennivín (Schnaps) serviert. Der Happen schmeckt leicht nach Ammoniak und ist nicht jedermanns Sache. Ich mag ihn sehr.

Viking Sushi

Wir bleiben zwei Nächte in Stykkishólmur, eine wahre Bilderbuch-Hafenstadt. Der Schiffsausflug führt uns in die Inselwelt des Breiðafjördur. Die schätzungsweise 3000 Inseln beherbergen ein gewaltiges Vogelparadies. Zusätzlich das versprochene Viking Sushi. Die frischen Kammmuscheln wurden soeben mit einem Schlepp-Rechen aus dem Wasser gefischt. Aus dem Meer, in den Mund, frischer gehts nicht.

Einen Tag später bringt uns eine Fähre weiter in den Norden, das Ziel Patreksfjörður. Die Fahrt über Berge und an Fjorden entlang kann man einfach nur als beeindruckend beschreiben. Diese Weite, diese Felsen, diese Natur: All die emotionalen Eindrücke sind schwierig in Worte zu fassen. Den berühmten Vogelfelsen Látrabjarg lassen wir aus. Das Wetter hat in Island so seine Tücken. An unserem neuen Etappenziel scheint aber bereits wieder die Sonne.

Der nächste Abschnitt gehört zu den Schönsten, dem nördlichsten Ziel, Ísafjörður entgegen. Wir freuen uns auf den Dynjandi-Wasserfall. Gemütlich nehmen wir die 170 Kilometer lange Strecke unter die Räder. Mir wird bewusst: Ich fühle mich unendlich frei. Das Land und die Weite tun mir sehr gut. Dynjandi bedeutet: Der Dröhnende, Tobende. Hundert Meter ist er hoch, oben dreissig, unten sechzig breit. Eine mächtige Wassershow, der man stundenlang zusehen könnte. Doch uns zieht es weiter in den Norden. Kurz vor Ísafjörður fahren wir durch einen abenteuerlichen Tunnel, der einem Indiana Jones Film entsprungen sein könnte. In der Gamla Bakaríið, «alte Bäckerei», gibt’s Brot und Patisserie vom Feinsten - die Leckerbissen werden in ganz Island verschickt.

Die Zeitreise ins Jahr 1893

Sigrun Einarsdóttir ist eine Fischarbeiterin in Ísafjörður aus dem Jahre 1893. Rotbäckig, in groben Original-Kleidern steht sie vor uns und strahlt. In perfektem Deutsch führt sie uns erzählend durch eine der ältesten Handelsstädte Islands. In Wirklichkeit heisst unsere Stadtführerin Helga Ingeborg Hausner und stammt aus Berlin. Ihre spannende Reise in die Vergangenheit mit vielen Geschichten und Anekdoten ist faszinierend.

Bye bye Ísafjörður, nach vierzig Minuten Flug sind wir in der Hauptstadt. Bald heisst es Abschied nehmen. Nicht bevor wir in Hafnarförður mit Sigurbjörg „Sibba“ Karlsdottir ein paar Feen- und Elfen-Hotspots besucht haben. Ihre unheimlichen Geschichten verursachen uns eine Gänsehaut. „Ich glaube an Elfen. Ich weiss, sie existieren. Es gibt hier viele Orte, wo sie sind. Ich kann sie zwar nicht mit meinen Augen sehen, aber ich spüre sie. Hier haben wir viele Beweise zu deren Existenz“, sagt sie überzeugt. Ob ich an Trolle, Elfen und Feen glaube? Ich denke, ich muss noch ein paar Mal nach Island zurück um diese Frage wirklich beantworten zu können.

Ein letzter Tipp, besorgen Sie sich vor der Abreise eine Schlafmaske; Sie werden es mir danken.

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