Island

Mit dem Bike durch Flüsse waten

Kontiki-Geschäftsführer Bruno Bisig suchte vor 20 Jahren in Island das Abenteuer. Er radelte allein mit dem Velo von Thórsmörk nach Mývatn. Ein gewagtes Projekt in einem Land, das sich zu Fuss oder im Mietauto viel komfortabler erkunden lässt.

Sarah Ganzmann

Journalistin

Sarah Ganzmann hat im Norden verschiedene Reisearten ausprobiert: Im Kanu durch Dänemark, im Wohnwagen durch Schweden und per Roadtrip durch Island. Dabei erlebte sie Traumhaftes und Unvergessliches.

«Geht nicht, gibts nicht!»

Mit dieser Einstellung und knapp berechnetem Proviant für zehn Hochleistungstage, machte sich Bruno Bisig 1994 alleine auf den Weg nach Island. Sein Ziel: Einmal die Insel durchqueren, von Westen nach Osten. Per Velo. Er hatte also vor, mit Muskelkraft durch ein Land zu fahren, das sich vor allem für Trekking- oder Autotouren eignet, aber weniger für Velofahrer. Erst auf dem Weg nach Thórsmörk dämmerte es ihm, worauf er sich eingelassen hatte. Das Velo auf den Hochlandbus geschnallt, fuhr er quer durch Flüsse mitten ins raue und abwechslungsreiche Hochland. Eigentlich ist Thórsmörk der Startpunkt zum viertägigen Trekking «Laugavegur», es führt durch Schneefelder, vorbei an heissen Quellen, über Lavasteine und durch Flüsse. Dieses Teilstück gilt als schönster Teil Islands und der damals 24-Jährige wollte sich diese einzigartige Natur auf keinen Fall entgehen lassen. Er nahm sich vor, zur Not das Bike auch zu tragen.

Im Nachhinein sagt er: «Es stimmt, diese Wanderung zeigt wirklich den schönsten Teil der Insel.» Nachdem er mittlerweile noch einmal in Island war – ohne Velo – kann Bruno Bisig das Trekking wärmstens empfehlen. Denn die Naturkräfte, die ihm auf dem Bike oft zu schaffen machten, bekomme man als Wanderer weniger mit. Ausserdem bleibe mehr Zeit, die kontrastreiche Landschaft zu geniessen. Aber auf seinem Velo suchte der Kontiki-Geschäftsführer damals «die absolute Herausforderung und das Abenteuer». Beides hat er gefunden.

 

Ein Kraftmarathon

Es waren der Vulkanismus und «die rohe Natur», die ihn so faszinierten. Im Ganzen plante er eine knapp zehntägige Tour von 450 Kilometern Länge. Dass er zwischendurch steile Strecken überwinden musste, wusste er. Dass es ein Kraftmarathon werden würde, konnte er auch ahnen. Und doch war Bruno Bisig nicht ganz klar, was dieses Abenteuer für ihn bereithalten würde. «Darum wollte ich diese Reise alleine machen. Die Verantwortung für jemand anderen wollte ich nicht auch noch übernehmen.»

Die Strecke zwischen Sprengisandur und Askja war das heftigste Teilstück. Stellenweise fuhr er mit maximal acht Stundenkilometern über nichts als Schotter, Lava-Hügel rauf, Lava-Hügel runter, und zwischendurch strampelte er im Sand, so schnell er konnte, damit er nicht einsackte. Das Ganze rund 100 Kilometer lang – aufgeteilt auf zwei Tagesetappen. Der Abenteurer hielt den Strapazen stand, seine Fahrradkette nicht. Unter der extremen Beanspruchung riss sie – aber mit dem richtigen Werkzeug und Ersatzteilen konnte er sie immer wieder notdürftig reparieren.

Irgendwann hatte er genug und nahm sich an einem Seeufer eine Auszeit. «Da wurde mir klar: Wenn du aufhörst zu strampeln, wirst du von den anderen überholt.»

Die Fluss-Durchquerungen im isländischen Hochland sind die grösste Herausforderung. Morgens führen sie oft wenig Wasser, abends steigt der Pegelstand – durch das Schmelzwasser. Mehr als einmal musste Bruno Bisig sein Bike auf den Rücken schnallen und zu Fuss durch das eisig kalte Wasser waten. Zuerst checkte er ohne Gepäck ab, wie viel Wasser der Fluss führte, wie stark die Strömung war und wo er sicher stehen konnte. Dann ging er zurück, holte das Velo, brachte es auf die andere Uferseite und watete noch einmal zurück zum restlichen Gepäck. Solche Fluss-Durchquerungen sind also gut machbar, solange man richtig vorgeht.

An guten Tagen legte der Velofahrer 60 bis 70 Kilometer zurück. Und irgendwann hatte er genug. Das Bike am liebsten hingeworfen, sass er an ein Seeufer, wollte nicht mehr weiter. Andere Reisende überholten ihn. «Da wurde mir klar: Wenn du aufhörst zu strampeln, wirst du von den anderen überholt.» Eine Erkenntnis, die den Geschäftsführer bis heute in seinem Alltag begleitet. Kurz später beendete er die Pause, raffte sich auf, nahm die Pedale unter die Füsse und radelte weiter.

Sein ganzes Gepäck inklusive Bike wog 40 Kilogramm. Gewicht, das er nur schleppen konnte, weil er entsprechend darauf vorbereitet war: Einige Monate vor seinen Island-Ferien machte Bruno Bisig Radtouren mit schwerem Gepäck. Er befüllte seine Velotaschen mit Steinen und kämpfte sich damit über die Alpenpässe der Innerschweiz.

Zu wenig Kalorien

Ebenfalls zur Vorbereitung gehörte die Berechnung seines Tagesbedarfs an Kalorien. «Wie viele das waren, weiss ich nicht mehr.» Aber dass er aus Platzgründen niemals so viel mitnehmen konnte, wie er gebraucht hätte, daran erinnert sich Bruno Bisig noch. «Die Schokolade war früher aufgebraucht, als gedacht.» Zum Frühstück gab es Griessbrei mit Früchten, zum Znacht Reis oder Pasta – gekocht auf dem mitgebrachten Benzinkocher. Hungern musste er zwar nicht, aber an Gewicht verlor er trotzdem.

Er zog es durch. Kurz vor dem Ziel bei Mývatn liess ihn allerdings das Bike endgültig im Stich: Ermüdungsbruch der Radfelge. Bruno Bisig stoppte einen Camper und durfte die letzten 90 Kilometer mitfahren, bis er schliesslich in Mývatn in einem Hotpot lag und langsam begriff, was er die letzten zehn Tage geleistet hatte. Ein Risiko wäre er nie eingegangen. Zwar war er bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen, neues auszuprobieren, aber stets mit Vernunft. Und dennoch wurde es für den heute 44-Jährigen einmal sehr brenzlig: «Als ich an einem wunderschönen Sandstrand mein Nachtlager aufschlagen wollte, versank ich innert kürzester Zeit bis zu den Knien.» Treibsand! An diesem Tag begegneten Bruno Bisig erst drei Personen. «Ich wusste, ich bin allein, hier würde so schnell niemand mehr vorbeikommen.» Schliesslich gelang es ihm, sich auf dem Velo und den Gepäcktaschen abzustützen und sich so aus dem Sand zu drücken.

Seine Reise-Bilanz: Ein paar Pneus weniger, aber viele atemberaubende Eindrücke von Land und Leute, die ihm niemand mehr nehmen kann. «Andere träumen ihr Leben lang von solchen Abenteuern», sagt der Kontiki-Geschäftsführer. «Ich habe es einfach gemacht.» Und er bereut keine einzige Sekunde.

Trotz allem würde er heute – 20 Jahre später – die Mietwagenvariante bevorzugen. Oder allenfalls noch die Reise in einem 4x4-Camper. «Diese beiden Optionen sind mit Sicherheit gemütlicher.»


Bruno Bisig persönlich...

Bruno Bisig arbeitet seit rund sechzehn Jahren bei Kontiki Reisen und ist seit 2010 Geschäftsführer. Nach seiner aufreibenden Bike-Tour durch Island belohnte er sich mit einer lang ersehnten Fährfahrt nach Dänemark, dort nahm er den Zug nach Hause. Das Bike von damals gibt es noch immer. Geflickt, geputzt. Verschrotten wäre vermutlich vernünftiger gewesen. Aber: «Mein Herz hängt zu sehr dran», so der 49-Jährige.

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