Schottland

Mission Munro

«Munro Bagging» ist in Schottland zu einem Volkssport geworden: Es geht darum, möglichst viele der insgesamt 282 Munros – Gipfel über 914 Metern – zu erklimmen. Was lieblich klingt, entpuppt sich als echtes Abenteuer.

Franziska Hidber

Redaktorin Nordland-Magazin

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

Das Weiss wabert vorne, drückt von hinten, steigt dann hoch über die Bergflanken der Cairngorms-Kette. Wir sehen nichts, gar nichts. Aber wir hören den Wind. Er heult und pfeift, als wolle er uns mit aller Kraft auf den Ben Macdui tragen. Ben Macdui ist 1309 Meter hoch und meine persönliche Mission – der erste Munro, den ich hier in den südlichen Highlands im Cairngorm Nationalpark bei Aviemore besteigen werde. Irgendwo da oben muss er sein, verdeckt vom schottischen Gespenst namens Nebel. Vor mir leuchtet orange die Jacke von Mark, meinem Guide, der einzige Farbtupfer und mein Orientierungspunkt. Mark stammt aus der Gegend und hat irgendwann aufgehört, die Munros zu zählen, die er schon gesammelt hat. «Zwischen 100 und 200 werden es schon sein», meint er nonchalant. Andere sind ehrgeiziger und wollen alle 282 besteigen. Wer das schafft, darf sich «Munroist» nennen und wird auf der Liste des Scottish Mountaineering Clubs eingetragen. Immer mehr wollen: Heute gibt es bereits über 3000 registrierte Munroisten, 1982 waren es 250. Namensgeber der Munros war Sir Hugh Munro – er listete alle Berge über 3000 Fuss Höhe, also 914 Meter, auf. Allerdings konnte er für sich die Bezeichnung «Munroist» nie in Anspruch nehmen. Diese Ehre wurde erstmals Reverend A. E. Robertson im Jahr 1901 zuteil.

Zugegeben, erst hatte ich die Munros belächelt. 914 Meter! Leute wie ich, die inmitten von Bergen aufgewachsen sind, halten das für einen besseren Hügel – ein Denkfehler. Denn in Schottland starten die Wanderungen oft auf Meereshöhe, also bei Null. Im Fall des Ben Macduis sind es immerhin 1300 Höhenmeter, das entspricht durchaus einer Schweizer Bergwanderung. Nur, dass es hier im Hochland einiges wilder zu und her geht. Es gibt keinen Wegweiser, keine Zeitangabe, kein Restaurant am Wegrand. Fuss vor Fuss setze ich auf die schwarzen Steine mit dem hellgrünen Moos und denke an den ersten Teil des Aufstiegs, als die Sonne mit uns war. An die glasklaren Bäche, das rosa blühende Heidekraut – Anfang September liegt es wie ein Teppich über den ockerfarbenen Hügeln. An das eindrückliche Felsmassiv des Cairn Lochans, die «Lochs» genannten Seen in der Ferne, den Blick über Tannen und Täler, das fast schwarze Moos mit dem hellgrün leuchtenden Gras dazwischen, an die grandiose Sicht auf das grosse Tal «Glen More», wo man die einzigen freilebenden Rentiere in Schottland findet. Mark hat sie erst letzte Woche noch gesehen.

 

Kompass, Karte, Handy

Jetzt nimmt er seinen Kompass hervor und vergleicht die Angaben mit der Karte. Vom Smartphone kommt kein Signal, die Felswände rund um uns sind zu hoch. «Alles klar, wir sind auf Kurs», ruft er gegen den Wind an, und wir wandern weiter bergauf. Plötzlich tauchen zwei Gestalten aus dem Weiss vor uns auf, eine Frau und ein Mann.

«Hey, was habt ihr vor?»

«Wir kehren um. Das sieht nach Regen aus da oben.»

«Wo wolltet ihr hin?»

«Auf den Ben Macdui.»

«Okay, werdet ihr es wieder versuchen?»

«An einem anderen Tag. Heute trinken wir erst einmal eine heisse Schokolade.»

«Gute Idee!»

«Willst du auch umkehren und heisse Schokolade trinken?», grinst Mark. Wir marschieren weiter. Als Regen aufkommt, ziehen wir im Schutz eines Hügels die Regenhosen über. Indem ich den wasserdichten Rucksackschutz einen Moment auf den Boden lege, offenbare ich mich als blutige Hochlandanfängerin: Eine rasante schottische Böe trägt ihn sofort weg. Zum Glück ist Mark, der Sportliche, schneller als der Wind.

Während die ersten Tropfen fallen, lösen sich die weissen Nebelschwaden auf und gleiten elegant wie kleine Ballettformationen vor den schwarzen Felszacken durch. Was für ein Bild! Es ist, als hätte jemand ein Milchglasfenster zur Seite geschoben: Wir sehen die Umgebung wieder! Die Kreten, die Hochebene, die wir gerade durchqueren, die kleinen Bergseen, die Bäche, die Sträucher. Mark deutet in die Höhe Richtung Steine: «Da oben wartet dein erster Munro.»

Drei junge Frauen mit grossen Rucksäcken kommen uns entgegen, ihre langen Haare unter den Regenhüten flattern im Wind. «Alles in Ordnung, Girls?» – «O ja. Das schaut ja wahnsinnig mystisch aus hier!» Gut gelaunt gehen die Drei weiter.

 

Heldenhaft wie am Nordpol

Es wird steiler und wieder steiniger. Der Regen peitscht. Der Wind pfeift. Wir wandern. Langsam nur geht es voran auf diesem Steinfeld. Doch dann rückt der Betonklotz in mein Sichtfeld, das Zeichen für den Munro. Die letzten Meter Aufstieg liegen vor mir. Auf Steinen, die zwar wackeln, aber aussehen wie Kunstwerke mit ihren weissen und hellgrünen Musterungen. Und schliesslich, nach knapp drei Stunden, ist es geschafft. Feierlich lege ich meine Hände auf den Betonklotz: Ben Macdui, meine Premiere! Der «Shelter», von dem Mark erzählt hat, besteht aus einer Steinmauer, die vor dem Wind schützen soll. «Egal, wie viele Leute schon hier sitzen – wenn einer kommt, macht man Platz.» Heute sind wir allein. Mark öffnet eine Art Zelt ohne Boden und stülpt es über uns beide.

Die Temperaturen sind weiter gefallen. In unserem improvisierten Biwak aber ist es schon fast gemütlich. Wir sitzen auf kleinstem Raum, der Dampf von Marks Chilli steigt auf, der würzige Duft erfüllt die Luft, es wird behaglich warm, wir essen unseren Lunch und hören zu, wie draussen der Sturm tobt und am Zelttuch rüttelt, die orangen Wände tauchen alles in ein warmes Licht und ich fühle mich so heldenhaft, als wäre ich unterwegs zum Nordpol.

Eine Kulisse wie im Film

Danach steigen wir ab zur Krete von Memle. Hier ist im Zweiten Weltkrieg ein Trainingsflugzeug zerschellt, noch immer liegen Wrackteile herum, eine liebevoll mit kleinen Holzkreuzen und mit Blumen versehene Gedenkstätte erinnert an die jungen Männer, die damals ihr Leben verloren haben. Von einer Minute auf die andere hört der Regen auf, als hätte ihn jemand abgestellt. Nur der Wind ist geblieben und bläst mir meine Haare ins Gesicht, während wir hinunterschauen zu den dünnen Flussläufen, zeigt sich gegenüber der Bergpass Lairing Ghru. Nach dem Abstieg über Stein- und Wiesenwege sehen wir bereits den Gipfel von Cairn Gorm. Wieder stehen wir am steilen Abgrund, es geht hinunter zum Coire Raibeirt, hinter uns zeigt sich das dunkle Massiv von Cairn Lochan, wo am Vormittag die Nebelschwaden die Schönheit der Felsformationen verdeckten. Es ist schlagartig warm geworden, ich ziehe Handschuhe, Jacke und Pullover aus. «Bei uns hat man alle Jahreszeiten an einem Tag, das ist viel effizienter», scherzt Mark. Und plötzlich dringt die Sonne durch. Dieses Licht! Wir wandern an tiefblauen kleinen Seen vorbei, die Schuhe schmatzen bei jedem Schritt auf dem Wiesenweg. Es mutet an wie in einem Film, eine gigantische Kulisse für zwei Personen.

 

Trügerischer Wetterwechsel

Nein, vier. Weiter unten kreuzen wir zwei junge Männer. Sie tragen Wollmützen und dazu kurze Hosen, einer hält sein Zelt lose in der Hand.

«Hey guys, wohin wollt ihr?»

«Ach, wir wissen noch nicht recht. Welche Route empfiehlst du?» Alle drei beugen sich über die Karte.

«Am besten geht ihr hier lang. Da ist ein guter Platz fürs Zelt. Habt ihr einen Kompass dabei?»

«Klar.»

Grinsend und schwatzend ziehen sie los, der Plastiksack mit dem Essen baumelt am Rucksack. «Viele Leute unterschätzen die Munros», sagt Mark. «Natürlich sind es keine Viertausender, aber die Wege erfordern Konzentration, und vor allem der Wetterwechsel ist trügerisch.»

Wenn man wie wir jetzt durch das sonnige Bilderbuchhochland wandert, könnte man das glatt vergessen. Meter um Meter steigen wir runter. Auf dem Parkplatz blicke ich zurück auf die Gebirgskette der Cairngorm-Berge, dunkel ragt sie in den Abendhimmel. «Der beste Moment ist, wenn man den Munro trotz Widrigkeiten erreicht», sagt Mark. Mein bester Moment aber kommt erst. Er kommt abends, als ich vor dem Kaminfeuer sitze, den Munro in den Beinen, den Wind auf den Wangen und den Sturm im Haar, diese wahnsinnige Landschaft vor Augen. Ich bin müde, erfüllt und ja, auch ein bisschen stolz. Meine Fitness-App meldet 18 Kilometer, 32 000 Schritte und 245 Stockwerke. Die Eiswürfel klirren leise im Scotchglas, als ich es erhebe und mir selbst den Titel «Munroistin für einen Tag» verleihe.

 

 

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