Military Tatoo

Schweizer Weltklasse in Edinburgh

Wenn die Basler Trommler Top Secret am Royal Military Tattoo aufspielen, werden sie vor dem bunt beleuchteten Castle gefeiert wie Popstars. Mindestens so verrückt wie die Geschichte des Top Secret Drum Corps zeigt sich die schottische Kulturstadt im Festivalsommer.

Stefan Doppmann

freier Journalist

Am Norden fasziniert den freien Journalisten Stefan Doppmann das Licht: Wie die Sonne im Zusammenspiel mit Wolken und Wasser zu jeder Jahreszeit immer neue zauberhafte Farben, Bilder und Stimmungen erzeugt.

Der Nachhall des letzten Trommelwirbels geht in tosendem Applaus und lauten Jubelrufen unter. Einmal mehr hat das Top Secret Drum Corps aus der Schweiz das Publikum am Royal Edinburgh Military Tattoo in seinen Bann gezogen – mit Trommelmusik und Marschfiguren in höchster Präzision. Und erst recht mit seinen überraschenden Showelementen und witzigen Einlagen: Da fliegen Trommelschlägel hin und her, und aus den Schweizer Fahnen sprüht das Feuerwerk im Rhythmus der Paukenschläge. Als die Trommler und die Fahnenträger in einer Kampfszene gar aufeinander losgehen, hält es niemanden mehr auf seinem Sitz.

Täuscht der Eindruck oder löst Top Secret tatsächlich den grössten Beifallssturm aller Gruppen aus? Produzent Brigadier David Allfrey bezeichnet die Schweizer als festen Wert und als Publikumslieblinge. «In diesem Jahr spielen sie jedoch schneller denn je. Ihre Show ist schlicht phänomenal!» Das sagt einer, der es wissen muss: David Allfrey leitet das bedeutendste Militärmusikfestival der Welt seit vier Jahren. Die besten Militärmusikformationen aller Kontinente spielen seit 1950 auf der Esplanade auf, vor der eindrücklichen Kulisse des mittelalterlichen Edinburgh Castle, das jeden Abend bunt erstrahlt. Dieser Faszination kann sich niemand entziehen: Auch wer behauptet, kein Freund militärischer Marschmusik zu sein, erschaudert ergriffen, wenn 250 Dudelsackspieler und Trommler aus dem Gebiet des gesamten Commonwealth gemeinsam musizierend in die Arena einmarschieren.

In friedlicher Manier treten aber auch gegensätzliche Ideologien gegeneinander an. Die 90-köpfige Elite-Band der Nationalen Volksbefreiungsarmee Chinas etwa beeindruckt mit einer fast unglaublichen Choreografie von Schrittfolgen. Die United States Air Force Honour Guard antwortet mit einem atemberaubenden Wirbel von fliegenden Gewehren, der schon fast wie ein Ballett anmutet. Neben diesen traditionellen Auftritten hat sich das Royal Edinburgh Military Tattoo kulturell längst geöffnet. Charmante junge Highland Dancers, eine spektakuläre chinesische Drachentanzgruppe und eine aufwendig inszenierte Bollywood-Geschichte mit 120 Tänzerinnen und Tänzern nehmen der 65. Auflage des Tattoos die militärische Schärfe, ohne ihm seine Identität zu rauben.

Eng mit Edinburgh verbunden

Mehr als 215000 Besucherinnen und Besucher pilgern jedes Jahr zum Edinburgh Castle, um dieses einzigartige kulturelle Erlebnis live zu sehen und zu hören. Und mittendrin sorgt das Top Secret Drum Corps für Furore. «Es ist ein unglaubliches Erlebnis, Teil des Edinburgh Tattoos zu sein», bekennt Drummer und Top Secret-Koordinator Patrick Stalder. Als junger Trommelschüler habe er davon geträumt, einmal hier aufzutreten. Nun sei er bereits zum zweiten Mal dabei und geniesse «jede Minute». Stalder steht auf den Zinnen der Burgmauer im Backstage-Bereich der Arena hoch über der Stadt und lässt seinen Blick über die Dächer von Edinburgh gleiten. Diese glänzen im goldenen Licht der Abendsonne, das durch die Wolken bricht.

Das Top Secret Drum Corps wird seit 2003 im Drei-JahresRhythmus ans Edinburgh Tattoo eingeladen, heuer bereits zum fünften Mal. Die Geschichte der Basler Trommler ist eng mit dem Traditionsanlass in der schottischen Hauptstadt verknüpft. Sie beginnt 1991, als sich einige junge Tambouren zusammenrauften, um auch ausserhalb der Basler Fasnacht das Jahr über gemeinsam zu musizieren. Sie taten dies so geschickt, dass sich bald Auftritt an Auftritt reihte. Als dann das Schweizer Fernsehen die Musiker in die Sendung «Benissimo» einlud, ahnte niemand, welche Folgen dieser Auftritt haben würde. Denn just die Organisatoren des Tattoos in Halifax, und dort schliesslich jene des Tattoos in Edinburgh, wurden dadurch auf Top Secret aufmerksam. Sie erkannten das Potenzial der Basler und verpflichteten sie für einen Auftritt – damit ging ein Traum in Erfüllung. Nach intensiven Vorbereitungen und dem ersten rauschenden Auftritt in der schottischen Hauptstadt stellte sich für das Drum Corps die Frage nach dem «Wie weiter»: Auf dem Höhepunkt aufhören – oder richtig durchstarten? Man entschied sich für die zweite Option. Begeistert vom Erlebnis in Edinburgh produzierte Top Secret-Gründer Erik Juillard 2006 schliesslich das erste Tattoo in Basel. Dank der Beziehungen von Top Secret, die mittlerweile schon in Berlin, Moskau, Québec, Peking und Südafrika aufgespielt hatten, konnte er von Beginn an Spitzenmusiker verpflichten. Nach nicht einmal zehn Jahren ist das Basel Tattoo das grösste seiner Art – hinter dem Royal Edinburgh Tattoo natürlich. «Hier in Edinburgh fühlen wir uns vier Wochen lang ein bisschen wie Popstars», schmunzelt Patrick Stalder. Wer sieht, wie Top Secret die fast 9000 Zuschauer jeden Abend zum Kochen bringt, kauft ihm das ab. Die Top Secret-Mitglieder investieren für das Tattoo ihre Ferien, denn die Musik ist ein Hobby geblieben. «Die Vertreter der anderen Musikgruppen, die zumeist den Status von Berufssoldaten haben, können oft gar nicht glauben, dass wir erst nach der Arbeit proben», erklärt Patrick Stalder. Nach dem Ende des Festivals kehren die Top Secret-Stars denn auch wieder in ihre bürgerlichen Existenzen als kaufmännische Angestellte, Lastwagenfahrer oder Logistikfachleute zurück.

 

Los geht’s nach dem Zapfenstreich

Umso mehr geniessen sie die Wochen in Schottland in vollen Zügen und interpretieren den Begriff «Tattoo» auf ihre Weise: Tattoo kommt nämlich vom holländischen «Doe den tap toe», was «schliess den Zapfhahn» bedeutet. Die englischen Söldner, der fremden Sprache nicht mächtig, verkürzten diesen Ausdruck für Zapfenstreich auf Tattoo. Ein Trompetensignal wies vor 300 Jahren die Wirte an, den Soldaten kein Bier mehr auszuschenken. Die Top Secret-Mitglieder dagegen hauen nach der Tattoo-Vorstellung im Nachtleben Edinburghs erst richtig auf die Pauke. An Gelegenheiten mangelt es bei den vielen Trinkfreudigen in der schottischen Metropole natürlich nicht. Am Grassmarket beispielsweise, am Fuss des Burghügels, wo sich am Tag die Mädchen nichts ahnend auf dem runden Stein, der einst als Richtstätte gedient hatte, in der Sonne rekeln, geht abends die Post ab. Dicht an dicht reihen sich hier die Pubs auf, mit lautmalerischen Namen wie «Fiddler’s Arms» oder «The Last Drop» und wunderschön gedrechselten hölzernen Schanktresen aus einer Zeit, als man Handwerkern für ihre Arbeit noch Zeit gelassen hat. Hier ist auch The Wee Pub zu finden, wo Top Secret aber niemals geschlossen hingeht. Warum? Weil die 25 Angehörigen des Drum Corps im angeblich kleinsten Pub Schottlands gar nicht alle Platz fänden.

Längste Barstrasse

Wer es ebenso traditionell mag, aber dem Rummel lieber etwas ausweicht, sucht in Edinburgh die Rose Street in der New Town auf. An der längsten Barstrasse Schottlands im georgianischen Viertel der Stadt folgt ein Pub auf das andere, unterbrochen höchstens durch eines der zahlreichen Speiselokale. Verwegene machen daraus das Trinkspiel «The Rose Street Challenge» und versuchen, sich in jedem dieser geschichtsträchtigen Schanklokale ein Bier zu genehmigen.

Da der Nachhauseweg von der Rose Street zum Studentenheim der Universität, wo Top Secret jeweils untergebracht ist, zu lang wäre, finden sie selten hierher. Eher holen sie sich auf der bis in die Nachtstunden geschäftigen Royal Mile, die vom Castle wegführt, Anregungen für eine Spätvorstellung des Fringe. Wie das Wie sehr sich das Tattoo kulturell geöffnet hat, zeigt zum Beispiel diese bunte Bollywood-Vorführung mit rund 120 Mitwirkenden. Top Secret-Koordinator Patrick Stalder hat schon als junger Trommler davon geträumt, in Edinburgh aufzutreten – nun war er bereits zum zweiten Mal dabei. Military Tattoo © Royal Military Tattoo Edinburgh Tattoo ist dieses Kleinkunstspektakel Teil des vielgestaltigen Fes - tivalsommers von Edinburgh. Tagsüber werben Kolporteure mit Handzetteln und Sandwichplakaten lauthals auf der Royal Mile für ihre Theater-, Comedy- oder Musikproduktionen. Andere geben auf einer der eigens zu diesem Zweck aufgestellten Bühnen Kostproben ihres Könnens und versuchen auf diese Weise, Inte - ressierte anzulocken. Wer sich darauf einlässt und den Weg zu den oft nicht ganz zentral liegenden Aufführungslokalen nicht scheut, entdeckt hier viel Schräges, aber auch wahre Perlen aus der Welt der Kreativität. Ein Beispiel gefällig? Das Theaterstück «Charolais» handelt von einer Bäuerin, die von der Eifersucht verzehrt wird – von der Eifersucht auf die Lieblingskuh ihres Freundes.

Genuss aus dem Schafsmagen

Allen Unkenrufen zum Trotz kommt man in Schottland auch kulinarisch auf seine Kosten. Top Secret-Fahnenträger Emanuel Brogli schwört auf Haggis, wie sie im Pub «The Last Drop» serviert werden. Der mit Herz, Lunge, Leber, Nierenfett, Zwiebeln und Hafermehl gefüllte Schafsmagen ist zwar nicht jedermanns Sache. « Aber wer gerne Blut- und Leberwürste mag, isst auch Haggis mit Genuss», versucht Brogli zu überzeugen

Selbst weniger experimentierfreudige Gourmets können sich verwöhnen lassen. Vom Fischessen im stimmungsvollen «Fisher’s» in Leith etwa schwärmen die Top Secrets noch immer. Wer gerne gehoben isst, bucht in «The Witchery» beim Castle oder lässt es sich im «George Street Bar and Grill» am noblen Charlotte Square gut gehen, wo die grossen Fenster den Blick auf den Amtssitz des schottischen Regierungschefs freigeben. Und für jene, die zwi - schen Trommelwirbeln und Piper-Klängen etwas Ruhe suchen, bietet sich Arthur’s Seat an, die grüne Erhöhung, tatsächlich wie ein gediegener Sitz leicht oberhalb der Stadt gelegen – mit fantastischem Rundblick.

Vier Wochen lang genossen die Basler das pulsierende Nachtle - ben in Edinburgh. Nun spielen sie zum letzten Mal in der Arena auf der Esplanade vor dem beleuchteten Castle, zusammen mit rund 1000 Musikern und Tänzern aus aller Welt. Heute ist das grosse Finale, der fulminante Schlusspunkt. Als einzige Gruppe steht das Top Secret Drum Corps hinter seiner wehenden Landes - fahne, was in diesem traditionsbewussten britisch-militärischen Umfeld bemerkenswert ist. Und dann kommt er, der letzte Mo - ment. Einmal noch diese phänomenale Show, einmal noch diese Begeisterungsstürme, dann ist das Royal Military Tattoo wieder Geschichte für Top Secret, die Trommler kehren zurück nach Basel. Im Gepäck die Erinnerungen an grandiose Auftritte vor einem enthusiastischen Publikum, an rauschende Nächte und unvergessliche Stunden zwischen den alten Stadtmauern. Und die Gewissheit, bestimmt bald wieder in diese umwerfende Stadt mit ihrem verrückten Touch zurückzukehren.

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