Interview mit dem Expeditionsleiter Steffen Biersack

„In den Polar-Regionen kann man nichts erzwingen.“

Einst war Steffen Biersack Kriminalhauptkommissar in Berlin, heute ist er für die Sicherheit der Passagiere bei Landgängen verantwortlich und kümmert sich um ihr Wohl. Bei dem mit den Polar-Regionen bestens vertrauten Expeditionsleiter der Hurtigruten sind die Reisenden in guten Händen.

Heinz Storrer

Heinz Storrer

Kultur- und Reisejournalist

Heinz Storrer arbeitet als Kultur- und Reisejournalist sowie als Reisefotograf bei der «Schweizer Familie», ist Vater zweier erwachsenen Kinder und lebt mit seiner Lebenspartnerin bei Zürich.

Sie waren Kriminalhauptkommissar in Berlin, nun sind Sie Expeditionsleiter in Polarregionen. Weshalb dieser Wechsel?

SB: Sagen wir‘s mal so: Weil mein nächster Karriereschritt bei der Polizei Krawatte und Schreibtisch bedeutet hätte. Was mir ganz und gar nicht entspricht.  

Fiel es Ihnen schwer, sich umzuorientieren?

Nun, ich war 35, hatte keine Kinder, keine Schulden, keine Hypothek – ich war sehr frei in meiner Entscheidung.

Sie entschieden sich gegen die Grossstadt und für die Polarregionen?

Erst ging ich mal in mich und fand heraus, dass ich noch studieren wollte. Und dass  es unbedingt etwas mit Natur sein sollte …

Natur?

Ja, die Natur war für mich ein grosses Mysterium. Als Polizist in Berlin lebt man in einer Art Gehege, und da hört man bisweilen die Welt rufen. Deshalb ging ich für ein Archäologie-Praktikum nach Peru – es war sterbenslangweilig. Dann setzte ich mich mit Geologie auseinander und wusste bald: Das isses.

Weshalb ausgerechnet Geologie?

Geologen sind gefragt. In der Ressourcenforschung etwa. In der Glaziologie. In der Klimaforschung. Gerade durch die Klimadiskussion ist man vermehrt auf die Erde aufmerksam geworden – und die Leute interessieren sich für Geologie.

Als ich mich mit Geologie auseinandersetzte, wusste ich bald: Das isses.

Was war Ihr Fachgebiet? Klimatologie?

Nein, ich war Sedimentologe, befasste mich also mit Oberflächenprozessen. Ein Sedimentologe kann sich ein gutes Bild davon machen, wie die Erde einst ausgesehen hat. War hier Flussdelta? Eine Salzpfanne? Ein Süsswassersee? Oder war das ein Küstenstreifen?

Die Sedimente erzählen Geschichten.

Ja, lange Geschichten. Wenn du vor einer Wand mit Sedimenten stehst,  kannst du einschätzen, was zwischen zwei und vierhundert Millionen Jahren passiert ist.

Und Sie träumten stets von einem Leben in Schnee und Eis?

Natürlich nicht, das hat sich so ergeben. Aber: Wer möchte nicht gerne mal in die Antarktis reisen? Und in die Arktis? Als ich von den Hurtigruten angestellt wurde, ging für mich schon ein Traum in Erfüllung.

Als Polizist waren Sie für die Sicherheit der Bevölkerung zuständig, als Expeditionsleiter sind Sie für die Sicherheit der Passagiere zuständig.

Lustig, wie die Dinge sich wiederholen. Alles, was ich als gelernt habe, kann ich hier wieder brauchen.

Was sind Ihre Aufgaben als Expeditionsleiter?

Ich bin der Knotenpunkt zwischen den verschiedenen Abteilungen. Ich muss dafür sorgen, dass die Reise gelingt. Die ist dann gelungen, wenn alle gesund zurückkommen. Und die Gäste leuchtende Augen haben. Mit dem Expeditionsteam versuchen wir, möglich zu machen, was machbar ist…

… abhängig von den äusseren Umständen.

Natürlich. Wir wollen den Passagieren die Tierwelt so zeigen, dass es für sie ein Genuss und für die Tiere kein Stress ist. Zudem: Speziell auf Spitzbergen ist der Sicherheitsaspekt sehr hoch. Wenn wir mit den Gästen an Land gehen, muss die Gegend gesichert sein. Wir machen zwar zuweilen abenteuerliche Sachen, aber nie unverantwortliche.

Gab es noch nie Unfälle? Etwa beim Einsteigen in die Tenderboote …

Nein, dafür sind wir ja da. Wir helfen beim Ein- und Aussteigen. Es ist noch nie jemand ins Wasser gefallen, noch niemand hat sich beim Aussteigen etwas gebrochen. Und wenn es das erste Mal klappt, verlieren auch Ängstliche ihre Scheu. Das ist das Schöne: Die Leute kommen nach Hause und haben Dinge gemacht, die sie sich nicht zugetraut hätten.

Ich muss dafür sorgen, dass die Reise gelingt.

Und was ist mit Eisbären?

Die sind unsere Sache. Wir stellen quasi Sicherheits-Schilde auf mit bewaffneten, speziell geschulten Leuten. Passiert ist uns noch nie etwas. Und wir mussten auch noch nie einen Bären erschiessen. Aber die Leute sollten auf unsere Anweisungen hören. Andernfalls kann es gefährlich werden ­-­ weil jeder Regelverstoss Konsequenzen hat.

Beispielsweise?

Wenn jemand bei einer Wanderung sich von der Gruppe entfernt, muss er zurückgeholt werden. Dann fehlt wiederum einer mit Gewehr in der Gruppe, im Sicherheitsdispositiv, undsoweiter. Wichtig ist der Wille, mitzumachen. Und zu akzeptieren, dass die Dinge eben oft geändert werden müssen…

Flexibel bleiben, sich den Umständen anpassen…

Richtig, man kann nichts erzwingen. Man kann den Eisberg nicht wegwinken. Man kann den Eisbären nicht ignorieren. Flexibilität ist das Hauptcharakteristikum einer solchen Reise.

Weil das keine normale Kreuzfahrt ist.

Genau. Dessen muss der Passagier sich bewusst sein. Aus Plan A wird plötzlich Plan B – aber das ist, was wir gerne machen, und das ist auch, was wir am besten können: Improvisieren. Und wenn die Leute mitmachen, haben alle Freude.

An Land wird auch gewandert. Wie gut in Form muss jemand sein, um da mitmachen zu können?

Es sind keine anspruchsvollen Wanderungen. Wichtig ist, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt, auch nicht die, die gut in Form sind. Deshalb wandern wir in Gruppen – in schnellen und weniger schnellen. Und jene, die nicht wandern, können sich an Land ein Bild von der Gegend machen.

Wem raten Sie zu Reisen in die Polarregionen?

Leuten, die Freude an der Natur haben. Die sehen wollen, was man gemeinhin nicht zu sehen bekommt. Es geht um die Tier- und Pflanzenwelt. Es geht um ausserordentliche Landschaften. Und um Geologie. Diese Reisen führen weg vom Massentourismus.

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