Finnisch-Lappland

Loipenglück und Hüttenzauber

Eine Woche lang erobern 14 Langlaufbegeisterte das prächtig präparierte Loipennetz in der weissen Wildnis des Pallas-Yllästunturi-Nationalparks. Tagsüber gleiten sie durch die Stille zur nächsten Hütte, abends geniessen sie gesellige Stunden mit nordischen Spezialitäten, Sauna und Kaminfeuer. Ein urfinnisches Erlebnis für Körper und Geist.

Robert Wildi

freischaffender Journalist/Texter

Robert Wildi ist freischaffender Journalist/Texter und leidenschaftlicher Outdoor-Sportler. Neben Wandern und Biken im Sommer zieht es ihn im Winter vorzugsweise auf die Langlaufloipen. Im Himmel fühlt er sich, wenn er durch die Wälder und Steppen von Finnisch-Lappland skaten kann.

«Gott, ist das frisch heute!» Markus reibt sich die Schultern durch das dünne Thermoshirt. Selbst in der warmen Hüttenstube dampft sein Atem heftig – ein Hinweis darauf, dass er keineswegs übertreibt. Der Mittfünfziger aus Wollerau hat den Gang ins Freie gewagt, um den dreizehn übrigen Teilnehmern aus unserer Gruppe erste Hinweise auf die passende Ausrüstung für die heutige Tour zu geben. Wir befinden uns in Raattama, es ist der vierte Tag unserer Langlaufwoche «Von Hütte zu Hütte». Schon morgens um halb acht scheint die Sonne, der Himmel ist strahlend blau, das Thermometer an der Aussenwand der geräumigen Holzhütte zeigt minus 26 Grad. Rasch durchforsten wir unsere Koffer nach einer weiteren Kleidungschicht.

«Schon morgens um halb acht scheint die Sonne»

Drei abenteuerliche Langlauftage liegen bereits hinter uns. Wir starteten am Ausgangspunkt Rauhala, eine knappe Autostunde vom Flughafen Kittilä entfernt. Unsere erste Route führte über rund 25 Kilometer bis nach Keimiö. Die Wildnishütte, direkt am Ufer eines der unzähligen zugefrorenen Seen gelegen, überzeugte mit geräumigen Schlafzimmern mit drei bis vier Betten – und natürlich einer original finnischen Sauna. Von Keimiö ging es am Tag zwei in einer ersten «Königsetappe» mit Aufstieg auf den Berg Pallas, mit seiner Höhe von über 800 Metern über Meer bereits ein Hochgebirge für lappländische Verhältnisse. Hier oben verbringen viele Finnen ihren Skiurlaub. Ein grosses Hotel, mehrere Bügelschlepplifte und Schneesicherheit bieten den Rahmen für alpine Schwünge.

Nur der Atem ist zu hören

Wir hingegen widmen uns den nordischen Skierlebnissen. Und die haben es in sich: Pallas ragt über die Baumgrenze (diese liegt hier bei knapp 550 Metern) und offenbart uns nach dem Mittagsimbiss ein echtes Laufabenteuer durch karges Hochland. Man fühlt sich in einer Art Schneewüste, beinahe in einer Mondlandschaft. Eine ungewohnte Ruhe macht sich breit, die dicke Schneedecke schluckt selbst den kleinsten Lärm. Durchbrochen wird die Stille einzig durch die teils heftigen Atemzüge der laufenden Kolleginnen und Kollegen. Zu hören ist auch das Knirschen der Stockspitzen im trockenen Schnee.

In unserer Gruppe sind unterschiedliche Stärkeklassen am Start. Die Läufer in der klassischen Technik teilen sich in «Beginners» und «Advanced» auf und werden von unseren beiden finnischen Begleitern Joel und Johanna geführt. Die flexiblen Guides passen die Routen und Distanzen während der ganzen Woche stets dem Fitness- und Gemütszustand der Läuferinnen und Läufer an. So kommen alle auf ihre Kosten. Ein gut trainiertes Dreiergrüppchen von Skatern wird von Daniele geführt. Der Italiener aus Bormio, zäh und fit wie ein Turnschuh, hat hier oben in Lappland vor Jahren das zehnmonatige Studium zum «Wildnis-Guide» absolviert (Box). Bereits zum siebten Mal verbringt er die Monate Februar und März in Lappland und begleitet Langlaufgruppen auf unterschiedlich langen und schwierigen Touren durch die nordfinnische Prärie.

«Eine steile Schlussfahrt führt uns zurück in die Niederungen.»

Zurück zu unserer Route: Eine relativ steile Schlussfahrt – auf den schmalen Langlaufbrettern nicht ganz ohne – führt uns von Pallas zurück in die lappländischen Niederungen (400 Meter über Meer) und über teils coupiertes Gelände mit wiederkehrenden kleinen Anstiegen schliesslich bis nach Raattama. Wir haben heute rund 38 Kilometer genossen. Am dritten Tag legen die Skater mit Daniele gleich nochmals 38 Kilometer drauf und kraxeln dabei im breiten Ausfallschritt einen weiteren Berg hinauf. Oben treffen wir auf die bereits früher losgelaufene Gruppe von Joel. In der Hütte machen wir ein Feuer und stellen uns abwechselnd rund um den Kachelofen, der Minute für Minute wärmer wird und unsere schweissfeuchten Handschuhe, Mützen und Funktionskleider trocknet.

Spontane Geburtstagsfeier

Zu den täglichen Loipen-Highlights – strahlender Sonnenschein in den ersten vier Tagen inklusive – gesellt sich das Gruppenerlebnis. Im Laufe der Woche entwickelt sich ein freundschaftliches Gemeinschaftsgefühl. Alle fühlen sich sichtlich wohl in der geselligen Runde: Ob der Internist Axel aus Bayern mit seiner Frau Kristin, einer Pflegefachfrau; der Informatiker Markus und Bankmanager Guido vom oberen Zürichsee, die beide mit ihren Ehefrauen angereist sind oder Sozialpädagoge Reto aus Luzern, der bereits einmal «Finisher» am Wasalauf über 90 Kilometer in Schweden war.

«Alle fühlen sich wohl in der geselligen Runde»

Markus, ein Mountainbiker, bekam die Lappland-Reise von seiner Frau Maren zu Weihnachten geschenkt und ist begeistert: «Auf den Brettern bin ich zwar weit weniger geübt als auf meinem Zweirad, das hautnahe Erleben dieser fantastischen Landschaft hier oben wird mir stets in bester Erinnerung bleiben.» Geselliger Höhepunkt war die spontane Geburtstagsfeier für Kristin mit «Happy-Birthday-Ständchen», Kuchen und Geschenken in der Raattama-Hütte. Ihren 50. wird sie bestimmt nicht so schnell vergessen.

Nach drei Langlauftagen mit Guide sieht unser Programm ab Mittwoch individuelle Touren vor. Daniele zeigt uns beim Abendessen in der Hütte verschiedene Optionen auf der Karte und gibt Tipps für Zusatzschlaufen oder Abkürzungen. Wir machen eifrig Notizen, Architekt Philippe aus unserem Skating-Trio kreiert ein «Factsheet», schliesslich wollen wir vermeiden, in der lappländischen Wildnis plötzlich verloren zu gehen. Die Gefahr ist gering, denn die Ausschilderung an allen Kreuzungen und Abzweigungen im gigantischen nordfinnischen Loipennetz ist vorbildlich. Zielort und Kilometerzahl sind stets fein säuberlich angegeben. Über die lokale App www.infogis.fi ist per Fingertipp sogar für jeden Loipenabschnitt ersichtlich, wann er letztmals vom Pistenfahrzeug befahren und damit frisch präpariert wurde. Wir starten abermals bei Sonnenschein und geniessen die nächste 38-Kilometer-Etappe von Raattama via Aufstieg nach Pallas (wegen Sturm und Steilheit müssen wir ein Stück zu Fuss absolvieren) zurück zu unserer Lieblingshütte in Keimiö. Den Saunagang haben wir uns einmal mehr redlich verdient.

Schlemmen nach Herzenslust

Nachdem die Klassik-Gruppen inklusive Guides am Mittwoch eine andere Route gewählt und in einer kleinen Wildnishütte ohne Elektrizität übernachtet haben, kommt es am Donnerstagabend zur grossen Wiedervereinigung in Keimiö. Man erzählt sich begeistert von den Lauf- und Gruppenerlebnissen und geniesst gemeinsam ein weiteres nahrhaftes «Dinner» von Hüttenkoch Marc. Die Qualität seiner Speisen ist vorzüglich, und jeden Abend ist das Buffet reich bestückt mit Braten, Fisch, Pasta, Kartoffeln in allen Varianten, Salat und hervorragenden Suppen. Zu unserem Glück werden Marcs Kochkünste von Hannu, dem Fahrer und Chef des langjährigen Kontiki-Partners Felltrek, von Keimiö auch nach Raattama exportiert. «Gutes Essen ist wichtig», sagt Joel vom Guide-Team mit einem Lächeln. «Je nach Distanz verbrennt ihr schon mal 5000 Kalorien pro Tagestour.» In der Tat schlemmen wir in dieser Lapplandwoche nach Herzenslust, füllen bereits zum Frühstück zwei Teller bis zum Rand mit Porridge und Honig, dazu finnisches Roggenbrot mit Käse und Pouletfleisch. Abends schöpfen die meisten von uns je nach Anzahl Kilometer und Laufspeed ein- bis zweimal nach, Dessert inklusive. Auch das eine oder andere Feierabendbier erfreut den Geist. Und der Körper steckt es locker weg, genau wie die gefühlten vier Schokoriegel pro Tag zur Express-Energiezufuhr auf der Loipe. Diese Woche dürfen und müssen wir uns das gönnen. «Man sieht sich hoffentlich wieder!» Das ist meistgehörte Satz am Samstag. In unterschiedlichen Zeitabständen werden die müden, aber glücklichen Langlaufcracks wieder zum Flughafen Kittilä gebracht – unvergessliche Erinnerungen im Gepäck. Da und dort fliegt in den Köpfen mit Sicherheit bereits der Entschluss mit: «Ich werde zurückkommen.»


«Man entdeckt immer wieder Neues»

Daniele Santelli, wie wird man als Italiener Wildnis- und Langlauf-Guide im Norden Finnlands?

Nun, als kleiner Junge aus der Skihochburg Bormio fuhr ich zunächst alpine Rennen. Da ich recht klein und leicht bin, schaffte ich den Sprung an die Spitze nicht, blieb aber immer sehr sport- und naturbegeistert. Das zehnmonatige Studium zum «Wildnis-Guide» in Finnland ist international bekannt und reizte mich. Nachdem ich mir diesen Traum erfüllt hatte und danach gleich für ein Engagement bei Felltrek angefragt wurde, musste ich nicht lange überlegen. Seit sieben Jahren verbringe ich die Hochsaisonmonate Februar und März hier oben und begleite Touren.

Musstest du dich an die finnische Mentalität gewöhnen?

Nein, ich fühlte mich hier sehr schnell wie zu Hause. Bormio liegt in einer Bergregion – wir sind auch eher ruhig und zurückhaltend wie die Finnen.

Was gefällt dir an deinem Job?

Alles! Die fantastischen Landschaften, Flora und Fauna in Lappland sind für mich herausragend schön. Darauf freue ich mich jedes Jahr. Dazu kommt das sensationelle Loipennetz. Man kann Tag für Tag unzählige Kilometer laufen und entdeckt immer wieder etwas Neues. Auch mag ich den sozialen Aspekt der Arbeit. Eine Langlaufwoche mit einer Gruppe ist das Schönste für mich. Man trifft unterschiedliche Leute, erfährt und lernt viel dabei. Ganz unabhängig davon, wie gut und weit jemand auf der Loipe vorankommt. Du bist ein durchtrainierter Läufer.

Wird es dir nie langweilig?

Absolut nicht. Natürlich muss ich mich je nach Niveau der Gruppe schon richtig auf eine Tour vorbereiten. Begleite ich zum Beispiel eine Anfängergruppe, ist es sicher vorteilhaft, wenn ich meine wärmsten Kleider trage (lacht). Bei minus 25 Grad Celsius kann es schon ungemütlich werden, wenn man sich nicht allzu intensiv bewegt.


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