Schlittenhund

Ramis Amor oder das Glück des Mushers

Lappland ohne Schlittenhunde? Undenkbar für die Gäste aus aller Welt, und erst recht für den Einheimischen Rami Kulppi: Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Franziska Hidber

Redaktorin Nordland-Magazin

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

«Hast du keine anderen Handschuhe?» Ramis aufmerksamen Augen entgeht nichts. Kritisch mustert er meine schicken, aber viel zu dünnen Touch-Fingerlinge. Erst als er meine Ausrüstung sieht – wetterfeste, dicke Dinger, dazu die Überhandschuhe – nickt er zufrieden, um sich sofort meinem Nebenmann zuzuwenden: «Wo ist deine Mütze?» Rami Kulppi, 42 Jahre, neckisches Bärtchen, Samengurt mit Messer, Fellmütze, hat gute Gründe für seine Fragen: Die Temperatur ist auf minus 36 Grad gefallen, und das findet selbst er, der hier aufgewachsen ist, recht frisch. «Hier» heisst: bei «Rami’s Huskies» am Eingang des Ylläs-Pallas-Nationalparks in FinnischLappland, eine halbe Busstunde von Äkäslompolo entfernt, gut 250 Kilometer oberhalb des Polarkreises. Als der Veranstalter uns wärmste Stiefel, Fellmützen, Überhandschuhe plus den winddichten Overall angeboten hatte, waren wir klug genug, alles anzuziehen. Astronauten gleich sind wir zum Bus gewankt und schwerfällig in die Sitze geplumpst. Während der Fahrt hat sich die Sonne wie ein Feuerball über den Horizont geschoben und den Himmel eingefärbt. Selbst jetzt, eine halbe Stunde später, zeugen rosa Streifen von diesem Schauspiel.

Rami aber hat nur Augen für unsere Ausrüstung. «Okay!», ruft er schliesslich, und geht zu den Instruktionen am Prototyp-Schlitten über. Es ist nicht viel, was ein Musher (Hundeschlittenlenker) wissen muss: zu Beginn und bei den Stopps kräftig mit beiden Füssen auf die Bremse stehen, abwärts und vor Kurven leicht bremsen, in den Kurven mit dem Körper mitgehen, die Distanz zum vorderen Schlitten einhalten und den Lenker unter keinen Umständen loslassen, nie. «Sonst wünsch ich euch viel Glück beim Suchen des Gespanns», grinst Rami. «Die Hunde werden nämlich unbeirrt weiterrennen. Stehen bleiben und warten nützt nichts, es kommt sowieso niemand!» Er bricht in schallendes Gelächter aus, seine Augen blitzen, dabei erzählt er keine Scherze: Ramis Touren finden ohne Motorschlittenbegleitung statt. Seine Safaris stehen für umweltfreundlichen, sanften Tourismus und wurden von Kontiki mit dem Label «Authentic» ausgezeichnet. «Also, falls ihr den Schlitten verliert: Rennt hinterher und holt ihn wieder ein.» Die letzten Worte gehen im Gebell der Huskys unter. Sie kläffen, jaulen, heulen laut und lauter; was übersetzt so viel heisst wie: Macht mal vorwärts! Wir wollen laufen! Laufen!

Denn das ist ihre Bestimmung, seit jeher schon. Ihre Vorfahren waren in Sibirien unterwegs, tagelang, bei widrigsten Verhältnissen und 50 Grad unter Null. Kein Wunder, gilt der Sibirische Husky als Vollblutschlittenhund. Dabei erntete die kleinste und zierlichste Schlittenhunderasse einst Spott und Häme: So geschehen am All-Alaska-SweepstakesSchlittenhunderennen im Jahr 1909, als der aus Sibirien stammende William Goosak mit seinen Sibirischen Huskys an den Start ging und gehörig belächelt wurde. Was? Das sollen Schlittenhunde sein? Diese Zwerge wollen 409 Meilen schaffen? Nie und nimmer! Goosak aber erreichte mit seinem Gespann den dritten Rang. Ein Jahr später gewann John Johnson, als «Iron Man» bekannt, das anspruchsvolle Rennen – mit den Zwergen! Da ging ein Raunen durch die Reihen der Musher: Potzblitz, wozu diese kleinen Hunde fähig waren, wer hätte das gedacht!

Auch der norwegische Musher Leonhard Seppala erkannte das Potenzial und gründete 1910 die erste Siberian-Husky-Zucht in Alaska. Mitte des letzten Jahrhunderts kamen die Tiere nach Nordeuropa, wo sie zunächst im schneereichen, unwegsamen Gelände Menschen und Material transportierten. Das änderte sich mit dem Aufkommen der Schneemobile und des Tourismus: Nun wurden die Hunde immer häufiger zum Vergnügen vor den Schlitten gespannt – und rannten sich rasch zu den Lieblingen der Lapplandbesucher empor. Die Einheimischen hingegen frönen dem Hobby zögerlicher: Bei Rami etwa stammen lediglich drei Prozent der Teilnehmer aus Finnland.

Jetzt weist er uns ein Gespann zu. Da ich keinen Passagier dabei habe, besteht meine Crew nur aus drei Hunden. Vorne wartet der Leithund, erstaunlich gelassen. Leithunde sind quasi die CEOs – sie müssen sich diese Position während Jahren erarbeiten. Nur ausgeglichene, zuverlässige und gehorsame Tiere kommen dafür in Frage. Die beiden hinteren Schlittenzieher hingegen brauchen in erster Linie Kraft, sie spüren die Last des Schlittens am stärksten. Wir nehmen unsere Position ein, stehen mit den Füssen auf die Bremse, während das Geheul seinen Höhepunkt erreicht. Es ist ohrenbetäubend! Als das erste «Go» durch die Winterluft schallt und das vorderste Gespann losfährt, scheint die Spannung zu explodieren. Und dann sind auch wir an der Reihe: «Go!»

Wie die Königin von Lappland

Von einer Sekunde auf die andere verstummt das Gebell. Mit einem kräftigen Ruck ziehen die Hunde los, schnell, unglaublich schnell. Der Schlitten holpert unsanft, zwei scharfe Kurven fordern meine Aufmerksamkeit. Erst führt der Pfad durch den Wald; Achtung, Linkskurve, Rechtskurve, vorbei an diesen erstarrten Tannen im weissen Gewand, hinein ins offene Feld, am Himmel sind noch immer zarte rosa Spuren zu sehen. Nun hört das Holpern auf, die Tiere haben ihren Rhythmus gefunden. lautlos gleiten die Kufen, leise hecheln die Huskys, entspannt steht die Musherin am Schlitten. Ein Glücksgefühl stellt sich ein, hier zwischen Himmel und Schnee. Es hat etwas Majestätisches, schon fast Meditatives, durch die weisse Stille zu schweben. Ich fühle mich wie die Königin von Lappland, die von ihrer Position aus wohlwollend diese Weite begutachtet. Konzentration, Königin! Denn plötzlich geht es steil bergab, wir fahren unter einer Brücke durch. Ramis Worte im Ohr, drossle ich das Tempo. Gar nicht so einfach mit meinem Trio, das gierig zieht und diese 16-Kilometer-Fahrt wahrscheinlich mit dem All-AlaskaSweepstakes-Schlittenhunderennen verwechselt. Überhaupt: nur zu laufen, scheint den Husky links zu unterfordern. Wie ein Zirkushund gibt er unterwegs allerlei Kunststücke zum Besten: Schnappt nach Schnee, springt hoch, und einmal – mir stockt der Atem – da vollführt er mitten auf dem Pfad eine schiefe Rolle seitwärts. Nach einigen Kilometern allerdings wird der Zirkushund träger. Oder liegt es am Leithund? So oder so, wir fallen zurück. Rami, der selbst hinten am Kopf Augen zu haben scheint, bemerkt es und bindet einen vierten Husky an mein Gespann, bevor er durch den Schnee zu seinem eigenen Schlitten rennt. Der Mann absolviert ein wahres Sportprogramm während einer Safari, und das hat er seinem Vater zu verdanken.

Vom Jagdhund zum Husky

Ramis Vater nämlich, damals Vertreter für Hundefutter, erzählte seinem Sohn eines Tages vom Sibirischen Husky. Ganz feine Tiere seien das. Schnell, klug, arbeitsfreudig, menschenfreundlich. Die Kulppis, begeisterte Jäger allesamt, hatten bis dato Jagdhunde gehalten und nichts mit Huskys am Hut. Nun aber schwappte die Euphorie des Vaters ungebremst auf den Sohn über. Nach der ersten Fahrt als Musher – der Mond schien, der Schnee glitzerte, die Hunde zogen – war es endgültig um Rami geschehen: Er kaufte seine ersten Siberischen Huskys, genau fünf, genug für ein Gespann. Es war der Beginn einer grossen Liebe. Heute besitzt Rami 73 Hunde, vorwiegend Sibirische, plus einige wenige Alaskische Huskys – eine Kreuzung zwischen dem ursprünglichen alaskischen «Indianerhund» mit nordischen Rassen. Viele entstammen der eigenen Zucht, denn das Verkaufen ist seine Sache nicht, er behält die Welpen, alle. Sein Lieblingshund heisst Amor, ein stattliches, bildschönes Tier mit hellblauen Augen. «Ein grossartiger Leithund», schwärmt Rami. Die Gefühle, die er für Amor hege, könne er nicht in Worte fassen. Und da ist die Liebe zu seiner Familie, zu seiner Frau Sari, den beiden Kindern, sie unterstützen den Familienbetrieb. Sari erle - digt die Administration, die Kinder knuddeln und spielen mit den Welpen und rennen mit ihnen um die Wette. Schon die Urvölker liessen die Schlittenhund-Welpen in der Familie aufwachsen. Experten vermuten, dass das freundliche und anhängliche Wesen der Huskys unter anderem daher kommt. Sind die Junghunde sieben Monate alt, spannt Rami sie erstmals für eine Trainingsfahrt vor den Schlitten, zwischen die erfahrenen Schlittenzieher. Zuerst nur für 1,5 Kilometer, dann für immer längere Strecken – bis sie erstmals an einer Halbtagessafari über 16 Kilometer teilnehmen können. 16 Kilometer sind schnell vorbei, bei minus 36 Grad legen die Hunde erst recht ein beachtliches Tempo vor, wobei ihre ideale Renntemperatur bei minus 20 liegt. Schon biegen wir in die Zielgeraden ein, die blaue Stunde senkt sich über den Nationalpark, die rosa Streifen sind verschwunden. Auf die Bremse! Die Pupillen des Zirkushundes verwandeln sich in empörte Fragezeichen: Soll die Aufführung etwa zu Ende sein? Leider ja, kleiner Nimmersatt.

 

 

 

Die perfekte Rolle

Aufwärmen ist nur für uns Menschen angesagt, die Huskys könnten gar im Schnee übernachten. Problematischer ist die Wärme: wenn im April der Schnee zu weich wird, beendet Rami die Saison. Und wenn die Temperatur im Herbst auf 6 Grad fällt, eröffnet er sie wieder – mit Trainingsfahrten. Dann ziehen die Hunde anstelle eines Schlittens einenWagen mit Rädern. Im Sommer ist Pause, nichts als Pause: Zeit zum Ausruhen, Spielen, Dösen, Balgen; und wenn es abkühlt, liegt sogar ein Rennen im grossen Freilandgehege drin. Zurück in den tiefsten Winter: Wir sitzen in der Kota, halten Würste über das Feuer, Rami giesst Tee und heissen Beerensaft ein, reicht Ingwergebäck, in meinen Stiefeln breitet sich Wärme aus. «Wie kannst du die Hunde unterscheiden?», wundert sich ein Gast. Rami kennt die Frage: «Für euch sehen die Tiere alle gleich aus, doch ich arbeite intensiv mit ihnen und hab sie zum Teil aufgezogen.» Über jeden Husky führt er akribisch Tagebuch. Keiner soll unter-, oder überfordert werden, und jeder hat selbst in der Hochsaison zwei freie Tage pro Woche zugute – wie die Menschen. Und wie wir verlassen die Fellnasen am Feierabend ihren Arbeitsplatz. Bald fahren sie im Lieferwagen zurück zur Farm, wo sie sich auf ihr Dinner stürzen werden: Lachs, Fleisch, Mineralstoffe, Öl. Morgens gibt es das gleiche Menü als warme Suppe, zwischen den Safaris als gefrorene Snacks. In der Nacht aber kuscheln sie sich ins Stroh und träumen von scharfen Linkskurven und steilen Abfahrten; und dem Zirkushund gelingt im Traum die perfekte Rolle seitwärts.

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