Hurtigruten

Liebe Hurtigruten...

Es begann mit Skepsis und endete mit Verliebtheit. Woran liegt das? Was macht das traditionelle Postschiff so unwiderstehlich – selbst für Leute, die Kreuzfahrten meiden? Ein Liebesbrief an die schönste Seereise der Welt.

Franziska Hidber

Redaktorin Nordland-Magazin

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

Liebe Hurtigruten, es wird Zeit für ein Geständnis....

Damals, vor fünf Jahren, bei unserem ersten Treffen in Bergen, hegte ich Zweifel. Würde das etwas werden mit uns beiden? Ich sollte auf Anhieb 2500 Kilometer auf See mit dir verbringen, durch Fjorde hindurch, der Küste entlang, bis nach Kirkenes. Sieben Tage, sechs Nächte. Klar, ich kannte deinen Ruf als «schönste Seereise» der Welt, ich hatte begeisterte Erzählungen gehört, Fotos dieser spektakulären Küstenlandschaft gesehen. Und trotzdem. In meinem Kopf geisterten die Bilder des «Traumschiffs», ich sah mich endlose Tage lang an Deck sitzen und aufs Wasser starren, dröhnende Bässe in den Ohren, ein flaues Gefühl im Magen.

Aber so, liebe Hurtigruten, war es nicht. Es begann schon mit der Aufbruchstimmung am Hafen in Bergen. Jubelnde Menschen am Quai und an der Reling winkten sich zu, Fotoapparate klickten, eine Blasmusik spielte auf, und die ganze Vorfreude schwappte auf mich über. «Na, deine Premiere?», fragte Axel. Der deutsche Fotograf ging bereits zum zwölften Mal an Bord. «Pass auf!», sagte er und schulterte seine Kamera. «Es ist ein Virus. Einmal Hurtigruten, immer Hurtigruten.» Worauf hatte ich mich da eingelassen? Doch es war bereits zu spät.

Ich betrat die MS Finnmarken, aber eigentlich betrat ich Norwegen. Statt Schickimicki, Halligalli, Disco und lauten Abendshows erwarteten mich nostalgischer Charme, eine grandiose Aussicht auf Deck 7, frischer Fahrtwind auf der Reling, eine gemütliche Kabine mit Blick auf Wasser und Himmel. Statt Abendkleid und Smoking trugen die Gäste robuste Windjacken und Schuhe mit Profil. Und statt liebloser internationaler Buffets tischte die Küchencrew regionale Köstlichkeiten auf: Lachs, Saibling und Stockfisch, den unvergleichlichen Kartoffelstock, Ziegenkäse, buttriges Randenragout und die beste Erdbeerconfitüre der Welt. Axel, der Experte, wusste es längst: «Es gibt nur einen Grund, auf die Hurtigruten zu verzichten – wenn man eine Diät macht.»

Während du, liebe Hurtigruten, verlässlich Seemeile um Seemeile Richtung Norden zurücklegtest, lernte ich dich immer besser kennen. Und mit jeder Stunde mochte ich dich mehr. Ich liebte meine Kabine. Es ist grossartig, abends vor dem Einschlafen einen letzten Blick aus dem Fenster zu werfen im Wissen, dass die Aussicht am nächsten Tag wieder eine ganz andere sein würde. Sich in den Schlaf schaukeln lassen und auf die Wundertüte am Morgen freuen: Was wird zu sehen sein? Die Küste, ein Hafen, schroffe Felsen, eine Insel, Wellen oder die ruhige See? Nie zuvor hatte sich Unterwegssein so gut angefühlt.

Ich mochte das Panoramadeck, wo raumhohe Glasfenster den Blick freigeben auf eine ständig wechselnde Kulisse. Nichts entschleunigt mehr als hinauszuschauen auf vorbeiziehende Städte, Dörfer, rote Häuschen. Auf Inseln, Felsen, Vögel, Wälder, Hügel, Berge. Auf die Wellen, die Gischt. Über dem Polarkreis werden die Häuser und Bäume weniger, die Schneeberge mehr. Weiss und steil ragen sie aus dem Atlantik. Man wähnt sich im Land der Eiskönigin, weit weg vom Alltag. Genau deswegen gönnt sich Peter jährlich eine Reise mit dir: «Ich bin als Geschäftsmann zu 200 Prozent eingespannt. Auf der Hurtigruten kann ich runterfahren.»

Ungezählte Stunden verbrachte ich an der Reling, den Fahrtwind im Haar, Spuren von Meersalz auf den Lippen, zwischen Nordmeer und Himmel. Ich sah die Sonne auf- und untergehen, die Nordlichter tanzen, die Sterne funkeln – kräftiger als irgendwo sonst.

Einmal tauchte gleich neben deinem Bug ein kleiner Seehund auf und unter, als wollte er uns begleiten. Ein anderes Mal kreuzten wir zu nachtschlafener Stund die beleuchtete MS Richard With. Hier wie dort standen die Menschen an Deck, winkten und prosteten sich zu, eine Jazzformation erklang, ihr habt euch zugehupt, und mitten in dieses Szenario weit über dem Polarkreis fielen Schneeflocken ins schwarze Wasser. Der Himmel, das Meer, zwei Schiffe. Liebe Hurtigruten, ich werde diesen Moment nie vergessen.

Und alles andere auch nicht. Denn das Traumschiff-Klischee und du, ihr habt nichts gemein. Du nämlich hast seit 1893 einen Auftrag zu erfüllen: Menschen und Frachten von A nach B zu transportieren. Fast täglich sticht eines der zwölf Schiffe deiner Flotte in Bergen in die See und fährt in zwölf Tagen nach Kirkenes und zurück, total 2510 Seemeilen, 4649 Kilometer. Dabei machst du an über 30 Häfen Halt – das ist besser als jedes Kino. Dein dicker Bauch öffnet sich, Autos fahren heraus, Menschen fallen sich in die Arme. Bauern, Fischer und Gärtner liefern ihre Ware an. Leute steigen ein, Gäste aus aller Welt, aber auch Norweger. Zum Beispiel Jø. Als Fischer pendelt er zwischen Tromsø und Kirkenes: «Es ist verrückt! Für mich war das mein Arbeitsweg. Bis ich zum ersten Mal erlebt habe, wie Touristen beim Anblick unserer Küste ausgeflippt sind. Seither sehe ich meine Heimat mit anderen Augen.»

Manchmal, liebe Hurtigruten, bleibst du länger in einem Hafen. Dann kann man auf Landgängen tief eintauchen in Norwegens Natur, Kultur und Geschichte. Rund 60 Ausflüge bietest du an. Vielleicht liegt darin dein Geheimnis: So entschleunigend das Leben an Bord ist, so anregend sind die Abenteuer an Land – von Huskytouren über Wanderungen, Stadtführungen und Ausritten bis zu Museumsbesuchen und Konzerten. Doch das genügte dir nicht. Nein, du hast zusätzlich ein Expeditionsteam an Bord geholt. Für alle, die noch mehr wissen und mehr erleben wollen. Ob ein Vortrag über die Hexenprozesse in Norwegen, baden im Eismeer morgens um sechs oder eine gäche Wandertour: Deine Expeditionsleiter sorgen für unvergessliche Extras und eine Prise Abenteuer.

Das war aber nicht die einzige Neuheit bei unserem zweiten Date in diesem Winter. Als ich dich wiedersah, war ich sprachlos. Du bist jünger geworden! Auf fünf Schiffen bestichst du mit hellem nordischen Design. Das wirkt leicht, hell und freundlich. Die schweren Sessel hast du durch leichte skandinavische Möbel ersetzt, der Speisesaal wirkt wie ein urbanes Restaurant in Oslo, in der Bäckerei auf dem Oberdeck wähnt man sich in einem angesagten Bistro. Und meine schicke Kabine mit Aussicht hätte auch ein Zimmer in einem stilvollen Designhotel sein können.

Liebe Hurtigruten, die Überraschung ist dir gelungen. Ich finde dich schöner denn je.

«Du wirst wiederkommen», behauptete Axel, als ich mich in Kirkenes erstmals von dir trennen musste. Unter tiefblauem Himmel, zwischen den Schneehügeln. Er hatte Recht. Unsere Liebesgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Einmal Hurtigruten, immer Hurtigruten.

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