«Alta-Nativen» zum Hotelzimmer

Nordische Nächte haben es in sich! In der Region Alta, hoch oben in Norwegen, machen spezielle «Schlafzimmer» im Berghäuschen, Lavvu-Zelt und Schneehotel sowie tanzende Nordlichter die Nachtstunden zum unvergesslichen Abenteuer.

Christian Ruch

Historiker und Journalist

Christian Ruch ist ein grosser Norwegen-Fan und war dort schon 15 Mal. Mit Franziska Hidber schrieb er den Nordkap-Sarganserland-Krimi „Venner“ (Driftwood Verlag, Chur).

Ich liege in einem dicken Schlafsack, ein weiterer Schlafsack dient mir als Bettdecke. Es ist so still, wie ich es in der Schweiz kaum noch erlebe. Nur meinen Atem höre ich. Und ab und zu das ganz leise Knistern der Schneekristalle. Eine nicht unangenehme Kühle berührt mein Gesicht. Der Rest des Körpers ist wohltuend warm.

Was natürlich nicht nur an den beiden Schlafsäcken liegt, sondern auch daran, dass ich mich vorsorglich übertrieben warm eingepackt habe: zwei Paar Socken, kurze Unterhose, lange Unterhose, Ski- Unterwäsche, Jeans, Skihose, T-Shirt, Cardigan, Fleece, Winterjacke, Handschuhe, Mütze. Das alles habe ich angezogen im Hinblick auf diese Nacht. Unter mir liegen wärmende Rentierfelle. Darunter und um mich herum: nichts als Schnee und Eis. Ich bin im Iglu-Hotel Sorrisniva in der Nähe der nordnorwegischen Stadt Alta. Eine Zimmertür gibt es nicht, nur einen Vorhang. Das Gepäck ist im Hauptgebäude, die Wertsachen in einem Schliessfach. Das alles scheint sehr weit weg.

In dieser Nacht bin ich Teil eines in mystisches Licht gehüllten Zauberreichs, umgeben von fantastischen Skulpturen und Ornamenten. Vorhin noch stand ich staunend vor einem Wikingerschiff aus Eis und unter dem Eiskronleuchter in der kleinen Kapelle, in der Hochzeiten stattfinden. Auch die Suiten sind sehr kunstvoll gestaltet. Jede ist einem anderen Thema gewidmet, bei mir ist es das Märchen von Aladdin und der Wunderlampe. Wie kalt es wohl ist? Ungefähr minus sieben Grad, hiess es, das wäre um einiges wärmer als draussen in der knackig klaren Nacht.

Christian Ruch

«In dieser Nacht bin ich Teil eines in mystisches Licht gehüllten Zauberreichs.»

Der Schlafsack, in dem ich liege, soll auch noch bei minus 25 Grad wärmen. Das ist beruhigend. Auf einmal empfinde ich einen riesigen Respekt vor Polarforschern wie dem Norweger Roald Amundsen, die mit viel bescheidenerem Zelt- und Bekleidungsmaterial weitaus tiefere Temperaturen aushalten mussten.

Fünf Wochen harte Arbeit

Wenn ich hier jetzt in den Winterschlaf fiele, würde ich eines Tages auf einer grünen Wiese unter freiem Himmel erwachen. Denn wenn der nordnorwegische Frühling und Sommer irgendwann einmal die weisse Pracht dahinschmelzen lassen, bleibt vom Schneehotel nichts übrig als schöne Bilder und Erinnerungen. Trotzdem oder gerade deshalb wird es jeden Herbst neu errichtet. Zwanzig Jahre geht das nun schon so, war doch Sorrisniva das erste Iglu-Hotel Norwegens und das zweite weltweit. In fünf Wochen harter Arbeit verbauen die allesamt einheimischen Eiskünstler 250 Tonnen Eis und 7000 Kubikmeter Schnee auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern, wobei das «Baumaterial» aus dem Tal des Flusses Altaelva stammt, an dem das Iglu-Hotel liegt.

Bis zum Frühling schlafe ich dann doch nicht. Als ich am anderen Morgen zurück ins Hauptgebäude komme, entdecke ich im mollig warmen und gemütlichen Aufenthaltsraum drei Inderinnen, die sich eine Couch teilen. Später erzählen sie mir, dass sie ihre eisige Suite mitten in der Nacht gegen die warme Couch getauscht hätten.

Synnøve Opgård Andersen, Gastgeberin

«Ich habe praktisch mein ganzes Leben in Alta verbracht, aber ich bin immer noch eine begeisterte Nordlichtjägerin!»

Sie arbeiten im Tourismus und sollen herausfinden, ob man das Iglu-Hotel Sorrisniva indischen Gästen schmackhaft machen könnte. «Und, könnte man?», frage ich. Sie schauen sich an. Dann sagt eine diplomatisch: «Es zu besichtigen, lohnt sich auf jeden Fall.»

Ich erzähle ihnen von meinem Erlebnis die Nacht zuvor, das ihnen vielleicht eher zugesagt hätte. Da schlief ich weiter flussabwärts in der Holmen Husky Lodge. Genauer gesagt nicht in der Lodge, einer ehemaligen Scheune, sondern in einem Lavvu. So nennt die Urbevölkerung der Sami ihre traditionellen Zelte. Die Lavvus der Holmen Husky Lodge sind allerdings an heutige Bedürfnisse angepasst: Sie verfügen über elektrisches Licht und Stromanschlüsse, vor allem aber über einen Holzofen und Heizdecken, sodass es kuschelig warm wird. Als ich im Bett lag und neben mir das Holz im Ofen knackte, schweifte mein Blick durch die grosse Fensterfläche in die sternklare Nacht, ob ich vielleicht das Nordlicht entdecke. Aber ich schlief viel zu schnell ein, so schön warm war es.

Am Morgen weckte mich das freudige Gebell der fast hundert Huskys. Mit ihnen war ich am Abend zuvor in den idyllisch verschneiten Wäldern am Ufer des Altaelva unterwegs gewesen. Im Inneren der Lodge drehten sich die Gespräche jedoch nicht um die Hunde – wichtigstes Thema waren die Nordlichter der letzten Nacht. Anscheinend hatte ich im Tiefschlaf in meinem behaglichen

Christian Ruch

«Ein Happy End meiner nordischen Nächte, wie man es sich nur wünschen kann.»

Lavvu einiges verpasst. Das wurmte mich etwas. Denn auf dieser Reise hatte ich den grünen Schleier erst einmal kurz gesehen. Dabei war ich in meiner ersten Nacht in der Hoffnung auf Nordlichter extra auf einen Berg ausserhalb der Stadt gefahren. Dorthin bin ich als Sozius auf dem Snowmobil von Synnøve Opgård Andersen gekommen, die mich zum höchsten Punkt des kleinen Skigebiets SarvesAlta brachte. Eine amerikanische Grossfamilie folgte mit dem Pisten-Bully. Synnøve ist eine Gastgeberin wie aus dem Bilderbuch. Wer wie ich in einem ihrer liebe- und geschmackvoll eingerichteten Häuschen der Bjørnfjell Mountain Lodge übernachtet, hat das Gefühl, Teil ihrer Familie zu sein. Nichts ist ihr und ihrem kleinen Team zu viel, wenn es darum geht, die Gäste glücklich zu machen. Für die amerikanische Familie lief der Skilift sogar den ganzen Tag, obwohl gar kein Betriebstag war. Die Gäste aus den USA waren begeistert. Wenn jetzt, an ihrem letzten Abend in Nordnorwegen, noch das Nordlicht eine Vorstellung gäbe, wäre alles perfekt.

Eine launische Diva Synnøve war guter Dinge. Es hatte zwar den ganzen Tag geschneit, aber am Abend werde es aufklaren, und dann sei die Chance gross, dass wir Nordlichter sehen könnten, meinte sie. Und fügte lachend hinzu: «Ich habe praktisch mein ganzes Leben in Alta verbracht, aber ich bin immer noch eine begeisterte Nordlichtjägerin! ». Die Spannung war gross, vor allem bei Synnøves amerikanischen Gästen. Sie hatte ein Feuer entzündet, auf dem unser Abendessen vor sich hin garte. Es gab Rentierfleisch und Lachs, Gemüse und Kartoffeln, das alles mit Sauerrahm und Butter bestrichen und in Alufolie eingerollt, die auf den Rost der Feuerstelle gelegt wurde. In der kleinen Hütte daneben konnten wir uns aufwärmen und bekamen etwas Heisses zu trinken. So warteten wir. Ich plauderte mit den Amerikanern, deren Kinder sich in den Schnee gelegt hatten, um nur ja kein Nordlicht zu verpassen. Ab und zu brachen sie in Jubelschreie aus, es war aber leider jedes Mal falscher Alarm. Der Wind wurde rauer, die Temperatur betrug minus 20 Grad, doch immerhin blies der Wind die Wolken weg. Ab und zu liessen sich jetzt schwache grünliche Schimmer entdecken, aber Synnøve war noch nicht zufrieden: «Wenn es nach mir ginge, könnten wir die ganze Nacht hier oben bleiben.» Auch Minusgrade können ihrem Nordlichtehrgeiz nichts anhaben. Aber sie weiss natürlich, dass die Aurora borealis eine launische nordische Diva ist. Als ich wieder in meinem Häuschen war und mich um Mitternacht bettfertig machte, klopfte es noch einmal an der Tür.

Draussen stand Synnøve. Sie strahlte und zeigte in den Himmel, wo ein grünes Nordlicht tanzte. Zum Glück waren auch die Amerikaner noch wach.

Spektakel zum Schluss

Doch das ganz grosse Spektakel präsentierte sich in den Stunden vor der Nacht im Iglu-Hotel. Zum Glück, denn auch für mich hiess es jetzt: letzte Nacht – letzte Chance! Ein erfahrener Guide holte mich und weitere Gäste im Sorrisniva ab und brachte uns auf eine Anhöhe südlich der Stadt. Der Himmel war klar, die Prognose sehr gut, und kaum waren wir oben, ging die Show auch schon los: Als ob sie sich daran erinnert hätte, dass sie einen Ruf zu verlieren hat, zog Aurora borealis alle Register. In immer neuen Formationen wehte das grünliche, manchmal auch etwas rosafarbene Licht, mal wie ein Vorhang, dann wieder eher wie ein Wasserfall, über den Himmel und ich konnte mich an diesem Schauspiel gar nicht sattsehen. Zurück im Iglu-Hotel schlafe ich trotz der ungewohnt tiefen Raumtemperatur – vielleicht auch darum – so schnell ein, weil mich eine grosse Dankbarkeit und Freude über das erfüllt, was ich die Stunden zuvor am Nachthimmel bewundern durfte. Ein Happy End meiner nordischen Nächte, wie man es sich nur wünschen kann.


5 Höhepunkte

  • Auf der Jagd nach dem Nordlicht: Das für seine stabilen Wetterverhältnisse bekannte Alta gilt als einer der besten Orte für die Beobachtung von Aurora borealis. Hilfreich: der Kontiki-Nordlichtalarm.
  • Samische Kultur: Der Ausflug mit dem Rentierschlitten ab dem Iglu-Hotel Sorrisniva und die Geschichten über das Leben der Sami zwischen Tradition und Moderne.
  • Hinauf aufs Fjell: Die Snowmobile-Tour (ebenfalls ab dem Iglu-Hotel Sorrisniva) über die Baumgrenze hinauf ins Hochland, wo sich fantastische Blicke Richtung Alta Canyon und in die menschenleere Weite der Finnmark öffnen.
  • Schlafen im Lavvu der Holmen Husky Ranch: Wenn das Holz im Ofen knackt, der Blick durch das Lavvu-Fenster sich im sternenklaren Nachthimmel verliert und ab und zu mal ein Husky bellt – dann ist das Nordland-Feeling perfekt!
  • Die Nordlicht-Kathedrale in Alta: ein beeindruckendes Beispiel für gelungene zeitgenössische Sakralkunst. Das Museum im Untergeschoss der Kirche bietet multimediale Informationen rund ums Thema Nordlicht.
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