23. Juli bis 3. August 2026
An Bord der exklusiv für Kontiki Gäste reservierten MS Hondius brechen wir auf zu einer aussergewöhnlichen Expeditionsreise nach Spitzbergen. Gemeinsam mit Klimatologe Stephan Bader erkunden wir die faszinierende Welt aus Packeis, Gletschern und arktischer Tierwelt. Reisejournalist Markus Fässler und Multimedia-Journalistin Nicole Krättli berichten unterwegs direkt aus dem Reich der Eisbären und nehmen Sie mit zu Walrossen, Walen, Vogelfelsen und hoffentlich unvergesslichen Begegnungen mit dem König der Arktis.
Markus Fässler
ReisejournalistMarkus ist als Reisejournalist für Reportagen regelmässig in verschiedenen Ländern unterwegs. Dabei zieht er die Natur und die Tierwelt den grossen Städten vor. Zu den bisherigen Highlights gehörten unter anderem eine Reise in die Antarktis inklusive Falklandinseln und Südgeorgien, nach Namibia und Botswana oder Finnisch-Lappland im Winter. Eisbären in freier Wildbahn hat er vor ein einigen Jahren schon einmal gesehen. Schon damals wusste er, dass er dieses Erlebnis eines Tages wiederholen möchte. Dank der Reise nach Spitzbergen stehen die Chancen dafür nun sehr gut.
Nicole Krättli
Multimedia-JournalistinNicole bereist als Dokumentarfilmerin und Multimedia-Journalistin die Welt auf der Suche nach spannenden Geschichten. In ihrer Freizeit zieht es sie vor allem an Orte, an denen sich Tiere in freier Wildbahn beobachten lassen. Ob Orang-Utans auf Borneo, Gorillas in Uganda, Tiger in Indien oder Jaguare in Brasilien: Für Nicole gibt es kaum etwas Schöneres, als einem Tier in seinem natürlichen Lebensraum zu begegnen. Gelingt ihr dann noch das perfekte Bild, ist das Glück vollkommen. Die arktische Tierwelt hat Nicole bisher noch nie erlebt. Mit der Reise nach Spitzbergen geht für sie deshalb ein Lebenstraum in Erfüllung.
Zwischen Mitternachtssonne und Eisbärenwarnung
Unsere Reise nach Spitzbergen beginnt am Donnerstagabend mit einem Zwischenstopp in Oslo. Beim Landeanflug kurz nach 22 Uhr sehen wir unter uns Seen, Fjorde und das Meer. Am Horizont leuchtet ein eindrücklicher Sonnenuntergang in Rosa, Orange und Gold. Ein erster Vorgeschmack auf die langen Tage des arktischen Sommers.
Die Nacht ist kurz. Bereits um 7 Uhr sitzen wir wieder im Flugzeug, diesmal mit Kurs auf Longyearbyen. Rund drei Stunden später begrüsst uns im Flughafengebäude der erste Eisbär der Reise – ausgestopft zwar, aber dennoch ein beliebtes Fotomotiv. Eine Tafel erinnert uns daran, wo wir gelandet sind: auf 78 Grad Nord, am nördlichsten Flughafen der Welt.
Beim Verlassen des Terminals schlägt uns eine kalte Brise entgegen. Nach mehreren Wochen mit Hitzewellen in der Schweiz ist sie eine willkommene Abwechslung. Im arktischen Sommer scheint hier die Mitternachtssonne rund um die Uhr.
Bevor wir an Bord gehen, lernen wir Longyearbyen auf einer kurzen Rundfahrt kennen. Rund 2400 Menschen aus mehr als 50 Ländern leben in der kleinen, erstaunlich internationalen Stadt zwischen steilen Bergen und dem Adventfjord.
Über den Häusern stehen die Überreste der alten Kohleminen. Ihre dunklen Gerüste ziehen sich über die Berghänge und erinnern daran, weshalb Longyearbyen überhaupt entstanden ist. Mehr als ein Jahrhundert lang prägte der Bergbau den Ort. Heute stehen viele der alten Anlagen unter Schutz und wirken wie rostige Denkmäler in der kargen Landschaft.
Wenig später sehen wir vom Bus aus eines der berühmtesten Bauwerke Spitzbergens: dem Svalbard Global Seed Vault. Nur der kantige Eingang ragt aus dem Berg. Dahinter lagern tief im Permafrost Sicherheitskopien von Saatgut aus aller Welt – eine Reserve für den Fall, dass Bestände durch Krieg, Naturkatastrophen oder andere Krisen verloren gehen.
Danach wird es märchenhafter: Im Ortsteil Nybyen befindet sich der arktische Briefkasten des Weihnachtsmanns, in den Kinder ihre Wunschzettel einwerfen können. Laut lokaler Legende wohnt der Weihnachtsmann in der alten Kohlegrube Gruve 2b am Hang des Gruvefjellet. Bei nur 1316 Kilometern Entfernung zum Nordpol dürfte die Post von hier tatsächlich einen vergleichsweise kurzen Weg haben.
Der unbestrittene Höhepunkt der Stadtrundfahrt ist allerdings ein dreieckiges Verkehrsschild am Rand der Siedlung: Achtung, Eisbären. Natürlich wollen es alle fotografieren. Bis hierher dürfen wir uns zu Fuss bewegen. Ausserhalb der Siedlung ist es hingegen notwendig, eine Waffe zum Schutz vor Eisbären mitzuführen.
Noch wirkt die Vorstellung, schon bald einem echten Eisbären begegnen zu können, eher wie eine verheissungsvolle Fantasie als wie eine bedrohliche Realität. Das Warnschild ist fotografiert, die Landschaft friedlich, und kein weisser Punkt bewegt sich an den Berghängen. Doch die arktische Wildnis beginnt tatsächlich unmittelbar hinter den letzten Häusern.
Um 16 Uhr ist es endlich so weit: Wir gehen an Bord der MS Hondius. Vor uns liegen Fjorde, Gletscher, Zodiacfahrten und Tage, an denen die Natur und vielleicht auch einige Eisbären den Takt vorgeben. Wir sind gespannt, aufgeregt und bereit für das Abenteuer Spitzbergen.
Die Arktis kennt keine Pause
Tag zwei in der Arktis. Schon der erste Blick aus dem Bullauge ist spektakulär: Vor uns erhebt sich der mächtige Gletscher Lilliehöökbreen. Hellblau schimmert das Eis zwischen dunklen Bergen, so nah und so gewaltig, dass die Szenerie beinahe unwirklich erscheint.
Nach dem Frühstück folgt die Einführung ins Überleben an Land. Konkret heisst das: Eisbärentraining. Bei Ausflügen bewegen wir uns immer als geschlossene Gruppe zwischen bewaffneten Guides. Sollte ein Eisbär trotz aller Abschreckungsversuche näher als 30 Meter kommen, kämen im äussersten Notfall die Waffen zum Einsatz. Zum Glück, versichert uns der stellvertretende Expeditionsleiter Pierre Gallego, sei das in seinen zehn Jahren auf See noch nie nötig gewesen.
Ganz theoretisch ist die Gefahr allerdings nicht. Ausgerechnet auf den kleinen Eiderenteninseln im Kongsfjord, dem Zielgebiet von Tag zwei, wurden diesen Sommer so viele Eisbärenbesuche registriert wie nie zuvor. Zwischen dem 4. Juni und dem 4. Juli zählten Forschende dort 30 sogenannte Bärentage. Weil das Meereis abnimmt und Eisbären dadurch weniger Möglichkeiten haben, Robben zu jagen, suchen sie häufiger an Land nach Nahrung.
Unser heutiges Ausflugsziel ist Ny-Ålesund. Der Ort liegt auf knapp 79 Grad Nord und gehört zu den nördlichsten ganzjährig bewohnten Orten der Welt. Die Siedlung wurde 1916 für den Kohlebergbau gegründet. Heute befindet sich hier die nördlichste ganzjährig betriebene Forschungsstation der Welt.
Die Forschung bestimmt auch die Regeln für unseren Besuch. WLAN und Bluetooth müssen ausgeschaltet bleiben. In einem Umkreis von 20 Kilometern herrscht Funkstille, weil drahtlose Signale empfindliche Messinstrumente stören können. Wir bleiben ausserdem auf den Strassen und Holzwegen, damit weder die empfindliche Tundra noch wissenschaftliche Versuchsflächen beschädigt werden.
Zwischen den kleinen, farbigen Holzhäusern wirkt Ny-Ålesund beschaulich. Doch die Siedlung ist voller Spuren aus der Geschichte der Polarforschung. Wir stehen vor der Bronzebüste von Roald Amundsen und sehen den Ankermast, an dem 1926 das Luftschiff «Norge» befestigt war. Von hier aus brachen Amundsen, der italienische Luftschiffkonstrukteur Umberto Nobile und der amerikanische Polarforscher Lincoln Ellsworth zu ihrem Flug über den Nordpol auf.
Natürlich schreiben wir auch Postkarten. Schliesslich befindet sich in Ny-Ålesund das nördlichste Postamt der Welt. Wann sonst bekommt man die Gelegenheit, Feriengrüsse aus der hohen Arktis nach Hause zu schicken?
Plötzlich kommt eine Nachricht über den Funk: Polarfuchs gesichtet. Wir eilen zurück zur Hondius und entdecken am kleinen Strand neben dem Pier tatsächlich eine junge Füchsin. Statt weiss und flauschig trägt sie ihr kurzes, braun-graues Sommerfell, das sie zwischen Steinen und Tundra beinahe verschwinden lässt. Unbeeindruckt sucht sie nach Futter, hebt hin und wieder den Kopf und blickt in unsere Richtung. Wir sitzen still und beobachten, mit welcher Ruhe sie sich bewegt.
Nach rund drei Stunden an Land sind Hände, Füsse und Nasenspitzen ausgekühlt. Zurück an Bord scheint eine heisse Dusche deshalb die logische Folge. Doch naiv ist, wer glaubt, in der Arktis einfach zur Ruhe kommen zu können. Kaum läuft das warme Wasser, ertönt die nächste Durchsage: Direkt vor dem Schiff befinden sich Belugawale. Doch Belugas warten nicht, bis man seine Kleider gefunden und vier Stockwerke überwunden hat. Als wir auf dem Aussendeck ankommen, sind sie bereits weiter gezogen. Lange enttäuscht sein kann man hier allerdings nicht. Kurz darauf tauchen Zwergwale auf, später Buckelwale. Immer wieder durchbrechen dunkle Rücken die Wasseroberfläche. Atemfontänen steigen auf, Flossen verschwinden zwischen den sanften Wellen. Das Meer, das eben noch leer erschien, ist plötzlich voller Leben.
Arctic Silence, Polar Plunge und Gletscher
Eine Strandbar mitten in der Arktis? Genau dieses ungewöhnliche Ziel steht an Tag 3 auf dem Programm. Bereits vom Schiff aus ist die winzige Texas Bar zu sehen. Mit einer Bar hat sie allerdings wenig zu tun: Die kleine Trapperhütte wurde 1927 am Ufer des Liefdefjords errichtet und diente einst Jägern als Unterkunft.
Wir nutzen den Strand derweil als Ausgangspunkt für Wanderungen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden durch die eindrückliche arktische Landschaft. Um die Natur mit allen Sinnen zu erleben, rufen die Guides unterwegs zur sogenannten Arctic Silence auf. Während mehrerer Minuten sagt niemand ein Wort und bewegte sich nicht. Zu hören sind nur der Wind und die Rufe der Vögel. Ein seltenes und eindrückliches Erlebnis in einer Welt, in der Stille tatsächlich noch Stille bedeutet.
Aufgewärmt und vom Mittagessen gestärkt sitzen wir am Nachmittag wieder in den Zodiacs. Wir fahren vor den Seligerbreen und den imposanten Monacobreen, einem rund 40 Kilometer langen Gezeitengletscher im Liefdefjord. Zwischen glitzernden Eisschollen bieten sich spektakuläre Ausblicke auf die gewaltige, fünf Kilometer lange Eisfront. Begleitet wird die Fahrt vom leisen Knistern des Eises. Dieses entsteht, wenn Luftbläschen aus den schmelzenden Eisstücken entweichen. Den perfekten Schlusspunkt der rund zweieinhalbstündigen Zodiac-Tour setzt eine Bartrobbe, die es sich auf einer Eisscholle gemütlich gemacht hat und sich von den staunenden Passagieren nicht im Geringsten beeindrucken lässt.
Und als wären die Erlebnisse dieses Tages nicht schon genug gewesen, setzt Expeditionsleiterin Florence Kuyper noch einen drauf. Sie entscheidet sie sich für einen kleinen Umweg zur Insel Moffen. Dort erwarten uns kurz nach 22 Uhr eine Gruppe von Walrossen. Aus respektvoller Distanz können wir sie vom Schiff aus in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten.
Im Reich der Dickschnabellummen
Vögel, Vögel und noch mehr Vögel: Wir sind auf der morgendlichen Zodiac-Tour auf dem Weg zur gewaltigen Klippe Alkefjellet, was übersetzt «Berg der Lummen» bedeutet. Hier leben zahlreiche Dreizehen- und Eismöwen – und rund 60'000 brütende Dickschnabellummen-Paare. Wie Geranien hängen die schwarz-weissen Vögel auf den schmalen Felsvorsprüngen, kreischen wild durcheinander und stürzen sich auf der Suche nach Futter für ihre Jungtiere spektakulär in die Tiefe. Wie sie nach ihrer Rückkehr ihren Platz in dieser Masse wieder finden, bleibt uns allen ein Rätsel.
Wir bewegen uns langsam entlang der steilen Basaltfelsen, die teilweise direkt ins Meer abfallen. Andere Felswände stehen leicht zurückversetzt und bieten Polarfüchsen ideale Jagdgebiete, etwa um Vogeleier zu stehlen. Genau das ist einem Fuchs gelungen. Flink bewegt er sich über die kargen Grasflächen und Geröllfelder, im Mund trägt er ein Ei. Fast wirkt es, als posiere er stolz mit seiner Beute und legt er auf einem grossen Felsbrocken direkt vor uns einen Stopp ein. Weiter oben im steilen Gelände sind gleichzeitig noch zwei weitere Polarfüchse auf Futtersuche.
Am Nachmittag gehen wir in der Palanderbukta auf Nordaustlandet an Land. Die Gegend lässt sich am besten als polare Wüste beschreiben. Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft karg. Doch bereits der zweite Blick offenbart, wie vielfältig die arktische Natur tatsächlich ist und sich auch trotz aller Hürden entfalten kann. Zwischen den mit Flechten und Moos überzogenen Steinen reckt sich immer mal wieder ein tapferer Spitzbergenmohn in die Höhe. Und dass die Gegend durchaus Nährstoffe enthält, beweist ein Rentier, das sich in Sichtweite gemütlich satt frisst. Ebenfalls auffällig in der Palanderbukta sind die kreisförmigen Steinmuster im Boden, die an mystische Kornkreise erinnern. Sie stammen allerdings nicht von Aliens, sondern entstehen durch das ständige Gefrieren und Auftauen des Permafrosts.
Und nachdem sich die Sonne den ganzen Tag über rar gemacht hat, reisst die Wolkendecke nach dem Abendessen auf. Die perfekte Kulisse, während wir Kurs Richtung Norden nehmen und dem Packeis immer näherkommen.
Eisbären Alarm
Unser fünfter Expeditionstag beginnt mit dichtem Nebel und deshalb etwas später als geplant. Erst nach und nach gibt die weisse Wand den Blick auf unser Ziel frei: Sjuøyane, die Sieben Inseln, nördlich von Nordaustlandet.
Die kleine Inselgruppe gehört zu den nördlichsten Landmassen Spitzbergens. Von Rossøya, ihrem nördlichsten Punkt, sind es nur noch gut 1000 Kilometer bis zum Nordpol. Die Buchten erinnern jedoch überraschend stark an die Seychellen: grosse Felsbrocken, weisser Sand und herrlich blaues Wasser, so klar, dass man bis auf den Grund sieht. Nur etwa 30 Grad und eine Piña Colada trennen uns vom perfekten Strandgefühl.
Am Nachmittag spricht der langjährige MeteoSchweiz-Klimatologe Stephan Bader über die Arktis und den Klimawandel. Die Arktis ist im Wesentlichen ein Meer, das von Kontinenten umgeben ist. Die Antarktis hingegen ist ein Kontinent, umgeben von Meer. Auch der Name Arktis passt zu diesem Tag: Er leitet sich vom griechischen Wort «arktos» für Bär ab. Eine Anspielung auf die Sternbilder des Grossen und Kleinen Bären.
Wie schnell alles gehen muss, wenn ein grosser weisser Bär auftaucht, erfahren wir am Nachmittag. Während ein Teil der Gruppe bereits wieder an Bord ist, geht es für die anderen noch einmal an Land. Wir erkunden die Umgebung, machen Bilder, geniessen die Ruhe.
Doch dann kippt die Stimmung. Über Funk kommt die Meldung: Eisbär! Rund ein Kilometer entfernt. Alle müssen sofort zu den Zodiacs zurückkehren. Die Gäste sind aufgeregt, fast schon erfreut, dass sich endlich ein Eisbär in unserer Nähe befindet. Das Expeditionsteam hingegen ist angespannt. Ruhig und professionell, aber angespannt. Jedes verfügbare Zodiac wird von der Hondius zu Wasser gelassen und rast in Richtung Küste, um alle abzuholen.
In Sicherheit angekommen, erzählen die Evakuierten ihre Heldengeschichten jenen, die den Landausflug bereits beendet haben. Doch letztlich eint uns alle dieselbe Frage: Wo ist der Eisbär? Mit Ferngläsern und Kameras stehen wir auf Deck 7 und suchen die Küste ab. Dann zeigt jemand in die Ferne. Dort, unten am Wasser, ist tatsächlich ein weisser Punkt zu sehen.
Selbst mit einem 800-Millimeter-Objektiv lässt er sich nur pixelig einfangen. Was er dort macht, können wir nicht erkennen. Vielleicht sucht er nach Nahrung, vielleicht beobachtet er das Wasser, vielleicht steht er einfach nur da. Für uns spielt das keine Rolle. Bis zu diesem Moment war der Eisbär ein Tier aus Naturfilmen, Büchern und von Warnschildern. Nun steht er tatsächlich vor uns. Weit entfernt, aber unverkennbar.
Morgen fährt die Hondius weiter in Richtung Packeis. Eisbärengebiet. Werden wir dort einer dieser flauschigen Riesen aus sicherer Nähe zu Gesicht bekommen?
Eine Nacht neben dem Eisbären
Schon bald zeigt sich, wie lebendig das scheinbar endlose Weiss tatsächlich ist. Immer wieder entdecken wir Robben auf den Eisschollen. Besonders eine Klappmützenrobbe beobachten wir aus nächster Nähe. Doch insgeheim hoffen wohl alle auf eine Begegnung mit dem König der Arktis. Bereits seit mehreren Stunden pflügt sich die Hondius durch das Packeis, als es endlich soweit ist. Die Crew entdeckt weit draussen auf einer Eisscholle einen schlafenden Eisbären. Sekunden nach der Durchsage stehen praktisch alle Gäste auf den verschiedenen Decks. Langsam nähern wir uns dem weissen Riesen und beobachten, wie dieser langsam erwacht, sich ausgiebig streckt und reckt und sich anschliessend seinem Essen widmet. Ganz in der Nähe liegt der Kadaver eines Belugas, von dem der Eisbär frisst. Ein grandioses Erlebnis, das wohl niemand an Bord jemals vergessen wird.
Und als könnte dieser Tag kaum noch spektakulärer werden, wartet für das Abendessen die nächste Überraschung. Die Schiffscrew hat mitten im Packeis ein Barbecue auf dem Aussendeck organisiert. Aussergewöhnlicher lässt sich ein Reisetag wohl kaum ausklingen. Zumal die Nacht neben dem Eisbären hoffentlich noch weitere Highlights bereithält.
Eisbären zum Greifen nah
Dass die Arktis einem (zum Glück) keine Verschnaufpause gönnt, wissen wir mittlerweile. An Tag 7 befinden wir uns am Morgen noch immer im Packeis. Kaum sind alle mit dem Frühstück fertig, kommt bereits die erste Durchsage: Eisbär in Sicht. Neugierig blickt er immer wieder zur Hondius hinüber, die sich ihm langsam nähert.
Der zweite Eisbär an diesem Tag lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Unsicher, was da auf ihn zukommt, tigert er auf dem Packeis herum. Immer wieder wagt er mutig ein paar Schritte näher ans Schiff heran. Wir sehen ihm an, dass ihn unsere Anwesenheit neugierig macht, er der Sache aber noch nicht ganz traut. Dann nimmt er allen Mut zusammen und kommt bis auf kurze Distanz an das Schiff heran. Ein besonderes Lob gilt allen Passagierinnen und Passagieren. Während dieses einmaligen Moments bleibt es an Deck mucksmäuschenstill, sodass sich der Eisbär ungestört bewegen kann. Und natürlich auch Luce aus der Expeditions-Crew, die beide Eisbären alles erstes gesehen hat.
Nach einer heissen Schokolade an Deck nehmen wir vor dem Abendessen Kurs Richtung Süden. An der Packeisgrenze verabschieden uns gleich mehrere Grönlandwale. Ein passender Schlusspunkt eines tollen Tages, an dem wir gleich zwei Eisbären beobachten durften. Und an dem Reisebegleiter Stephan Bader seinen Geburtstag feierte.
Von Walfängern und Walrossen
Land in Sicht! Nach zwei Tagen im Packeis erreichen wir am Morgen des achten Tages die InselYtre Norskøya. Diese diente im 17. Jahrhundert den holländischen Walfängern als wichtiger Stützpunkt. Noch heute erinnern rund 200 Gräber von Walfängern an diese Zeit. Besonders bedrückend: Untersuchungen zeigen, dass sich darunter sogar die Gebeine von Jugendlichen befinden.
Von der Anlandestelle aus stehen zwei Wanderungen zur Auswahl. Während eine Gruppe gemütlich der Küste entlang spaziert, steigt die andere auf den 151 Meter hohen Utikken. Oben angekommen, wird sie mit einer fantastischen Aussicht über die zerklüftete Küstenlandschaft, die Bucht und dasMeer belohnt.
Am Nachmittag nehmen wir Kurs auf Smeerenburg. Eigentlich ist dort ein weiterer Landgang geplant. Doch ein am Morgen gesichteter Eisbär macht uns einen Strich durch die Rechnung. Sicherheit geht vor. Stattdessen erkunden wir die historische Walfangstation während einer ausgedehnten Zodiacfahrt. Der Name Smeerenburg bedeutet übersetzt «Speckstadt» und erinnert an den Walfangboom des 17. Jahrhunderts. Damals arbeiteten hier zeitweise rund 200 Männer, um aus dem Blubber der Wale Öl zu gewinnen. Die Überreste der Specköfen sind bis heute am Strand zu erkennen.
Diese Zeiten sind zum Glück längst vorbei. Heute gehören die Strände den Walrossen. Dicht gedrängt liegen sie am Ufer und ruhen sich aus. Andere sind im Wasser unterwegs und suchen mit ihren empfindlichen Schnurrhaaren nach Muscheln. Immer wieder tauchen sie in der Nähe unserer Zodiacs auf und liefern sich kleine Rangeleien.
Zopf, Belugas und ein perfekter letzter Tag
«Einen schönen Nationalfeiertag», tönt es am frühen Morgen aus dem Lautsprecher. Draussen warten Sonne, blauer Himmel und Belugas direkt vor dem Schiff. Was für ein Aufwachen am Tag 9 unserer Expedition.
Beim Frühstück zeigt sich, wie viel Mühe sich die Crew gegeben hat. Der Speisesaal ist mit Schweizer Fähnchen und roten Ballons dekoriert. Besonders auffällig: ein Ballon in Form einer Krabbe. Vielleicht das neue Nationaltier der Schweiz?
Es gibt sogar frischen Zopf. Das Personal hat das Rezept eigens für diesen Morgen gelernt. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt sitzen wir also in der Arktis, essen Butterzopf und schauen auf die Berge Spitzbergens.
Danach fahren wir mit den Zodiacs durch die Ymerbukta, eine rund sechs Kilometer lange Bucht auf der Nordseite des Isfjorden. Über ihr liegt der Esmarkbreen, dessen breite Gletscherfront die Landschaft dominiert. Wir gehen an Land und wandern über das Gletschervorfeld. Ymerbukta ist auch historisch interessant: Hier finden sich Spuren russischer Jäger und Trapper, die auf Spitzbergen grössere Siedlungen mit Wohnhäusern, Lagerräumen und Werkstätten errichteten.
Zurück an Bord wird der Schweizer Nationalfeiertag auch kulinarisch fortgesetzt. Zum Mittagessen gibt es Zürcher Geschnetzeltes, Rösti, Spätzli und Apfelkuchen.
Am Nachmittag wartet unser letzter Landgang: Alkhornet. Der markante Felsen erhebt sich über der Bucht Trygghamna. Mit etwas Fantasie erinnert seine Form sogar an das Matterhorn. Schon von weitem hören wir Tausende Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen. Ihr Rufen hallt über die Tundra. Der Vogelkot düngt den Boden, weshalb die Landschaft unterhalb der Felsen ungewöhnlich grün und üppig ist.
Zwischen den Gräsern weiden mehrere Rentiere. Sie lassen sich von uns kaum beeindrucken. Jene, die zur längeren Wanderung aufbrechen, erleben noch eine besondere Begegnung: Eine Gruppe junger Polarfüchse tollt unterhalb der Vogelfelsen herum.
Am Abend verabschieden wir uns von der Crew. Beim Captain’s Dinner lassen wir Revue passieren, was wir in so kurzer Zeit erlebt haben: Gletscher, Packeis, Walrosse, Polarfüchse, Rentiere, unzählige Vögel und natürlich Eisbären.
Expeditionsleiterin Florence sagt, wir hätten aussergewöhnlich viel Glück gehabt. Nicht ein einziges Mal musste man auf Plan B oder Plan C ausweichen. Stattdessen genoss die sonnenverwöhnte Konitiki-Gruppe durchgehend Plan A. Mit einem Augenzwinkern rät sie uns deshalb, nie wieder nach Spitzbergen zurückzukehren. Eine perfektere Expedition könnten wir kaum erleben.
Sie hat recht.
Zurück an Bord geben wir unsere treuen Wandergummistiefel ab – viele von uns hätten nie gedacht, wie gut man damit über Stock und Stein kommt. Ein kleines Symbol für die vielen neuen Erfahrungen dieser Reise.
Am Abend lädt der Kapitän zum Abschiedscocktail. Wir heben die Gläser auf eine fantastische Crew, ein engagiertes Expeditionsteam und eine Reise, die uns tief berührt hat. Beim letzten Recap tauchen wir noch einmal ein in all die Erlebnisse – das Expeditionsteam hat ein unterhaltsames Video zusammengestellt, das uns zum Lachen, Staunen und Innehalten bringt. So viele Momente, dass man fast vergisst, was alles war.
Einige von uns werden heute Abend wohl mit Wehmut einschlafen. Denn eines ist sicher: So eine Spitzbergenreise geht tief ins Herz.
Tschüss Arktis
Ein letztes Mal werden wir vom Weckruf unserer Expeditionsleiterin Florence geweckt. Und ausgerechnet am letzten Tag geht zum ersten Mal etwas nicht nach Plan. Zwar scheint erneut die Sonne vom blauen Himmel, doch der Wind ist zu stark, als dass die Hondius am Pier anlegen könnte.
Beim Frühstück sitzen ein letztes Mal mit unseren neuen Bekanntschaften am Tisch, tauschen Nummern und Instagram-Accounts aus und verabschieden uns voneinander. Danach heisst es noch einmal: wasserfeste Kleidung und Schwimmwesten anziehen. Alle Gäste und sämtliche Koffer werden auf die Zodiacs verladen und an Land gebracht.
Beim Frühstück sitzen ein letztes Mal mit unseren neuen Bekanntschaften am Tisch, tauschen Nummern und Instagram-Accounts aus und verabschieden uns voneinander. Danach heisst es noch einmal: wasserfeste Kleidung und Schwimmwesten anziehen. Alle Gäste und sämtliche Koffer werden auf die Zodiacs verladen und an Land gebracht.
Dort trennen sich unsere Wege. Einige fliegen noch am selben Tag direkt nach Zürich. Andere übernachten in Oslo und reisen am Montag nach Hause. Wieder andere verlängern ihre Ferien und bleiben noch einige Tage in der norwegischen Hauptstadt.
Was uns verbindet, sind zehn Tage voller eindrücklicher Landschaften, besonderer Begegnungen und unvergesslicher Momente. Danke an Oceanwide Expeditions, danke an Kontiki Reisen für dieses aussergewöhnliche Erlebnis.
Wir schliessen das Kapitel „Spitzbergen“ – fürs Erste. Denn wer weiss, wen der Arktisvirus gepackt hat? Vielleicht zieht es den einen oder die andere bald wieder in den hohen Norden, dorthin, wo Stille laut spricht und Eis Geschichten erzählt.
Ein herzliches Dankeschön an all unsere wundervollen Gäste, die uns auf dieser Kontiki-Reise begleitet haben. Es war uns eine Ehre und Freude, euch auf diesem einzigartigen Abenteuer zur Seite zu stehen.
Und ein Dankeschön auch an alle Mitlesenden zu Hause – schön, dass ihr dabei wart.
Ha det bra und uf Wiederluege – bis zum nächsten Mal im Land aus Licht, Eis und Staunen.