1. bis 17. August 2026
An Bord der MS Plancius beginnt eine aussergewöhnliche Expeditionsreise von Spitzbergen über die abgelegene Ostküste Grönlands bis nach Island. Gemeinsam mit Meteorologe Felix Blumer entdecken wir mächtige Fjorde, farbenfrohe Tundra, gewaltige Eisberge und die faszinierende Tierwelt der Arktis. Ein ganz besonderer Höhepunkt erwartet uns am 12. August 2026 mit der totalen Sonnenfinsternis in Ostgrönland. Begleiten Sie Kontiki Mitarbeiterin Manuela Fischer, die in diesem Blog direkt von ihren Erlebnissen berichtet.
Manuela Fischer
Senior Backoffice AgentNach über 30 Jahren kennt Manuela Fischer fast alle Orte der Kontiki-Landkarte persönlich. Sei es beim Entschleunigen im tief verschneiten Lappland, bei einem Besuch am Tattoo-Spektakel in Edinburgh oder bei einem warmen Bad in der Wildnis von Island. Überall schöpft sie Energie für ihren Alltag. Zu ihren persönlichen Reise-Highlights gehören die Arktis mit Grönland und Spitzbergen sowie die Lofoten, wo Sie sich einen Winter lang um die Kontiki-Gäste kümmern durfte.
Ein etwas verspäteter Start ins grosse Abenteuer
Bereits lange vor dem offiziellen Treffpunkt fanden sich viele unserer Gäste am Flughafen Zürich ein. Die Vorfreude lag spürbar in der Luft. Entsprechend öffnete unser Check-in-Schalter sogar etwas früher als geplant. Der Sicherheitscheck verlief erfreulich unkompliziert, und danach blieb genügend Zeit für einen Kaffee, einen kleinen Imbiss oder die ersten Gespräche innerhalb der Gruppe.
Doch Reisen in den hohen Norden beginnen manchmal nicht wie ein perfekt getaktetes Uhrwerk. Gegen 18.30 Uhr erreichte uns die Nachricht, dass sich unser Flug nach Oslo um rund eineinhalb Stunden verspäten würde. Dazu kam noch ein Gatewechsel ins andere Terminal. Die Stimmung blieb dennoch gelassen. Schliesslich hatten wir alle dasselbe Ziel vor Augen: die Arktis.
Um 21.15 Uhr hoben wir dann endlich ab. Unter uns verschwanden die Lichter Mitteleuropas wie kleine goldene Stecknadeln auf einer dunklen Landkarte und unsere Gedanken wanderten bereits Richtung Norden. Kurz vor Mitternacht erreichten wir Oslo. Nach einem kurzen Spaziergang zum Flughafenhotel warteten die Zimmerschlüssel bereits auf uns. Die erste Etappe war geschafft.
Longyearbyen begrüsst uns mit Sonnenschein
Die Nacht war kurz, der Morgen dafür umso vielversprechender. Nach einem feinen Frühstück trafen wir uns bereits um 07.45 Uhr für den gemeinsamen Spaziergang zurück zum Flughafen.
Nach Security Control und Passkontrolle (weil Spitzbergen nicht zum Schengen-Raum gehört) schlenderten wir zum Gate. Gerade als wir dachten, nun könne es bald losgehen, wurden wir nochmals aus dem Wartebereich hinausgebeten. Erneute Kontrolle von Pass und Boardingkarte. Schliesslich hob unsere Maschine sogar etwas früher als geplant ab. Spitzbergen freute sich auf uns, strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und angenehme 8 Grad empfingen uns am Rande der Arktis.
Das Gepäck traf vollständig ein, der Transferbus stand wie bestellt bereit und hinter der Frontscheibe prangte sogar ein Kontiki-SchweizerFamilie-Schild, als hätte jemand heimlich einen kleinen Wegweiser ins Abenteuer platziert.
Im Hotel herrschte reges Treiben. Es war ein lebhaftes Gewusel, fast wie in einem Bienenstock, nur mit Wanderschuhen, Daunenjacken und Expeditionslust.
Am Nachmittag entdeckten wir Longyearbyen bei einer Ortsrundfahrt mit einem Schweizer Auswanderer. Er zeigte uns spannende Orte und erzählte vom Leben hier oben. Natürlich durfte das berühmte Eisbären-Warnschild nicht fehlen. Wir fuhren vorbei am Husky-Camp, machten Halt beim eindrücklichen Svalbard Global Seed Vault und erhielten einen ersten Eindruck von diesem besonderen Ort zwischen Wildnis, Wissenschaft und arktischer Gelassenheit.
Nach etwas freier Zeit trafen wir uns zum gemeinsamen Nachtessen. Den Abschluss des Tages bildete ein spannender Vortrag von Felix Blumer. Er gab uns einen Überblick über die bevorstehende Reise und vermittelte viele interessante Details rund um Mitternachtssonne, Tageslänge und die bevorstehende Sonnenfinsternis. Zufrieden, dass bis jetzt (fast) alles reibungslos geklappt hat, legen wir am Abend den Kopf aufs Kissen. Draussen scheint die helle Nacht Spitzbergens und wir sind definitiv angekommen in der magischen Arktis.
Vom ersten Museumslicht bis zur letzten Mitternachtssonne
Zeitig am Morgen standen die Koffer vor dem Hotel bereit. Der Transporter kam pünktlich, und dank der tatkräftigen Hilfe unserer Reiseteilnehmer:innen war das Gepäck so schnell eingeladen, dass sich die beiden Gepäckhelden sogar noch eine kleine Pause gönnen konnten. Ein effizienter Start in einen Tag, der noch einiges an Bewegung bereithalten sollte.
Bevor es aufs Schiff ging, tauchten wir im Svalbard Museum noch einmal in die Welt ein, die uns in den kommenden Tagen draussen in ihrer ganzen Grösse erwarten würde. In der Ausstellung begegnet man der Geschichte Spitzbergens von der Entdeckung über Walfang, Jagd, Expeditionen und Kohlebergbau bis in die Gegenwart. Gleichzeitig erzählt das Museum von der einzigartigen Natur des Archipels, von fossilen Spuren uralter Tiere bis zu Eisbären, Walrossen, Polarfüchsen, Rentieren und der arktischen Vogelwelt.
Anschliessend blieb genügend Zeit, Longyearbyen auf eigene Faust zu entdecken. Im Ort selbst gibt es viele Informations-Stelen aus Glas, die den Besuchern Wissenswertes über verschiedene lokale lThemen vermittelt. Einige spazierten hinauf nach Nybyen, dem «neuen Ort» am oberen Ende des Longyeardalen. Der Stadtteil entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Siedlung für die Arbeiter der Mine 2B und erinnert mit seinen ehemaligen Bergarbeiterbaracken bis heute an die Zeit, in der der Kohlebergbau den Alltag in Longyearbyen bestimmte. Heute zeigt Nybyen eine andere Seite des Ortes: ruhiger, etwas abseits gelegen, mit Spuren der Vergangenheit und dem Blick hinunter ins Tal. Andere bummelten durch den Ort, suchten letzte Souvenirs oder liessen das Treiben auf sich wirken. Longyearbyen zeigte sich an diesem Tag von seiner lebhaften Seite. Mehrere Schiffe lagen im Hafen und entsprechend gut gefüllt waren Strassen, Läden und Cafés.
Unser Transfer zum Hafen klappte reibungslos. Dort konnten wir sogar noch beobachten, wie unser Gepäck auf die Zodiacs verladen wurde. Ein erster Vorgeschmack auf die kommenden Tage, an denen diese kleinen, wendigen Boote zu unserem Tor in die Wildnis werden sollten. Kurz darauf folgte das Briefing: Schwimmwesten, Einsteigen ins Zodiac, richtiges Verhalten, klare Handgriffe. Dann ging es hinaus zur Plancius. An Bord wurden wir herzlich empfangen und das Gepäck wartete bereits in den Kabinen. Der Einschiffungstag ist immer gedrängt, fast ein wenig wie ein Uhrwerk, in dem jedes Rädchen zur richtigen Zeit greifen muss. Auf Deck 5 trafen wir uns zum obligatorischen Sicherheitsbriefing, lernten, wie die Schwimmwesten korrekt angezogen werden, suchten unser Rettungsboot und bekamen eine Vorstellung davon, wie eng es dort im Ernstfall werden könnte. Spätestens jetzt war klar: Eine Expeditionsreise beginnt nicht erst beim ersten Eisberg, sondern bereits mit dem Bewusstsein, in einer Umgebung unterwegs zu sein, die Respekt verlangt.
Das Nachtessen wurde als reichhaltiges Buffet serviert. Kaum waren die Teller leer, hiess es auch schon: Gummistiefel fassen. Auf Deck 3 herrschte ein lebhaftes Kommen und Gehen, bis alle ihr passendes Paar gefunden hatten. Mal war der Stiefel zu gross, mal zu klein, mal brauchte es noch einen zweiten Versuch. Am Ende hatten wir sie, unsere schwarzen Begleiter der nächsten Tage, bereit für nasse Strände, steinige Ufer und matschige Tundra.
Erst danach wurde es ruhiger. Endlich konnten wir an Deck gehen und den strahlenden Sommerabend geniessen. Die Sonne stand tief, aber sie dachte nicht daran, unterzugehen. Die Plancius ist auf dem Weg in eine Welt, in der Pläne wichtig sind, aber die Natur das letzte Wort behält.
Weil sich Koffer bekanntlich nicht von selbst auspacken, zogen wir uns nach und nach in unsere Kabinen zurück. Gegen Mitternacht schlossen wir trotz Sonnenlicht die Luke. Der Tag ist voll gewesen, unsere Köpfe noch voller aber wir wissen jetzt, dass die magische Arktis auf uns wartet.
Walrosse, Walfänger und ein Hörsaal aus Wind
Tagwache um 7 Uhr. Die Sonne hatte sich verabschiedet. Dafür wartete ein Tagesprogramm, welches schnell zeigte, dass die Arktis keinen blauen Himmel braucht, um grossartig zu sein.
Nach dem Frühstück erklärte uns Cloé (unsere Expeditionsleiterin), wie man sich in der Arktis verhalten muss. Der Film dazu machte eindrücklich klar, dass wir uns hier nicht einfach in einer schönen Kulisse bewegen, sondern in einem sensiblen Lebensraum. Auch die Eisbärgefahr wurde nochmals besprochen. Dazu gab es eine bildliche Auffrischung zum Einsteigen in die Zodiacs. Ein Fuss hier, eine Hand dort, ruhig bleiben, den Anweisungen folgen. Es klingt einfach, bis Wind, Wellen und dicke Kleidung mitreden.
Im Laufe des Morgens war eine Anlandung auf Smeerenburg geplant. Schon der Name trägt Geschichte in sich, doch zuerst gehörte unsere ganze Aufmerksamkeit den Walrossen. Eine grosse Gruppe lag am Strand, schwer, zufrieden und scheinbar völlig unbeeindruckt von der Welt. Im Wasser tummelten sich die jüngeren Tiere. Sie wirkten wie Teenager, die gerade entdeckt haben, wie viel Energie in ihnen steckt. Immer wieder stiessen sie gegeneinander, tauchten ab, tauchten wieder auf und probierten aus, wer stärker, schneller oder einfach frecher war. Irgendwann wurde es einem gestandenen Exemplar offenbar zu bunt und er robbte sich aus dem Wasser. Unser Besuch schien den Walrossen durchaus zu gefallen. Als wir uns langsam zurückzogen, schwammen uns die Jugendlichen hinterher und lieferten ein Schauspiel, für das man keine Bühne braucht. Nur Wasser, Schnurrhaare, Neugier und jugendlicher Leichtsinn.
Doch Smeerenburg ist nicht nur ein Ort der Tierbeobachtung. Die Bucht war einst ein Zentrum des Walfangs. Früher kamen hier Grönlandwale in grosser Zahl vor und die Insel wurde im 17. Jahrhundert für die Tranproduktion genutzt. Zwischen Steinen und karger Landschaft sahen wir Überreste alter Brennöfen. Plötzlich bekam der Ort eine zweite Schicht. Wo heute Walrosse dösen und Wellen ans Ufer laufen, wurde vor rund 400 Jahren Öl gewonnen, gearbeitet, gerungen und überlebt.
Nach dem Mittagessen stand Ytre Norskøya auf dem Programm. Drei verschiedene Wanderungen wurden angeboten, und schon das Ausschiffen passte bestens zum Expeditionscharakter. Es brauchte Geduld, Flexibilität und ein bisschen Verständnis in den Ablauf, bis schliesslich alle an Land waren. Genau solche Momente gehören dazu. Nicht immer läuft alles nach Plan.
Die Insel zeigte sich karg, das Wetter mässig. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurden wir reich beschenkt. Papageitaucher tauchten im Blickfeld auf. Eine Polarfüchsin zeigte sich mit ihren Jungen. Für einen Moment hielten wohl alle den Atem an. . Küstenseeschwalben kreischten um die Wette, als wollten sie sicherstellen, dass niemand vergisst, wem der Luftraum gehört. Und zwischen all dem Grau und Braun entdeckten wir kleinste Blumen, zarte Farbtupfer, kaum höher als ein Finger, aber mit einer Kraft, die man ihnen auf den ersten Blick nicht zutraut.
Je kürzer die Gehdistanz, desto mehr Zeit blieb für Erklärungen. So lernten wir unter anderem, dass Flechten erstaunlich komplexe Lebensgemeinschaften sind und dass man Spitzbergen nur als Zweitadresse haben kann. Eine dieser Informationen, bei denen man zuerst schmunzelt und dann merkt, wie besonders dieser Ort tatsächlich ist.
Den Abschluss unseres Inselbesuchs bildeten ein paar Minuten Arctic Silence. Niemand sprach. Niemand raschelte unnötig. Die Gruppe war still und plötzlich war die Stille nicht leer, sondern voll. Vogelstimmen erfüllten die Luft, Wellen legten sich sanft an die Steine, vom Schiff herüber kamen leise Geräusche. Die Arktis hielt keinen Vortrag, aber wir fühlten uns trotzdem wie in einem Hörsaal.
Am Abend folgte unser erstes Recap und das Expeditionsteam überraschte uns mit einem Geschenk. Der morgige Tagesplan sieht einen Umweg ins Packeis vor!
Was wird dort draussen auf uns warten, am Rand des Eises, wo die Karte weiss wird und die Arktis noch ein Stück wilder? Wir sind sehr gespannt.
Im Reich des Schweigens oder ein Tag im Packeis der Arktis
Lange vor dem Weckruf um 07.00 Uhr herrscht an Deck bereits ein ruhiges Treiben. In dicke Jacken gehüllt stehen die ersten Frühaufsteher mit Ferngläsern an der Reling und lassen den Blick über die geheimnisvolle Landschaft schweifen. Über Nacht haben wir das Packeis erreicht, eine Welt, die gleichzeitig rau und zerbrechlich wirkt. Tiefe Wolken hängen über dem Horizont, feiner Nebel zieht über das Wasser und dämpft jedes Geräusch. Die See liegt fast spiegelglatt vor uns.
Zwischen den Eisschollen entdecken wir die ersten Bewohner dieser unwirtlichen Umgebung. Robben liegen scheinbar sorglos auf dem Eis und geniessen ihre Ruhe. Andere tauchen neugierig aus dem Wasser auf, werfen einen kurzen Blick auf unser Schiff und verschwinden sofort wieder in den dunklen Tiefen. Fast automatisch wandern die Gedanken weiter: Wo Robben sind, könnte auch ein Eisbär sein. Die Hoffnung, den König der Arktis doch noch zu entdecken, begleitet uns den ganzen Tag.
Die Stunden im Packeis haben ihren ganz eigenen Rhythmus. Gäste wechseln zwischen Deck und Lounge, wärmen kalte Hände an einer Tasse Kaffee oder Tee, versinken in einem Buch oder greifen zu ihren Stricknadeln. Doch wirklich entspannen fällt schwer. Die Augen wandern immer wieder zu den Fenstern, denn hinter jeder Eisscholle könnte die nächste Überraschung warten.
Und sie wartet!
Plötzlich erklingt eine Durchsage aus den Lautsprechern: Blauwal auf 11 Uhr!
Innerhalb weniger Sekunden leeren sich Lounge und Kabinen. Kameras, Ferngläser und Jacken werden geschnappt und alle eilen nach draussen. Vor uns gleitet das grösste Tier unseres Planeten durch die ruhige See. Elegant und beinahe lautlos zieht der Blauwal vorbei. Mit einer Länge von bis zu 30 Metern ist er ungefähr so lang wie drei aneinandergereihte Stadtbusse. Die Begegnung dauert nur wenige Augenblicke, doch sie hinterlässt Eindruck. Blauwale werden in diesen Gewässern nur selten gesichtet. Umso grösser ist die Freude und Dankbarkeit an Bord.
Während wir unseren Weg fortsetzen, zeigt sich das Packeis von seiner faszinierenden Seite. Mal treiben riesige, kompakte Eisfelder an uns vorbei, dann wieder einzelne Schollen in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Am Nachmittag erfahren wir in einem spannenden Vortrag von Expeditions-Leaderin Cloé mehr über diese einzigartige Welt. Sie erklärt die verschiedenen Arten von Meereis, die Bedeutung der Meeresströmungen und die Veränderungen, welche die Arktis in den vergangenen Jahren erlebt hat. Besonders eindrücklich ist die Erkenntnis, wie stark die Eisflächen zurückgegangen sind und wie sehr sich dadurch der Lebensraum vieler Tiere verändert.
Der Tag neigt sich langsam dem Ende entgegen und inzwischen haben wir uns damit abgefunden, dass sich heute kein Eisbär zeigen wird. Doch die Arktis hält oft bis zuletzt Überraschungen bereit. Das erfahrene Team auf der Brücke entdeckt schliesslich mehrere Robben, die friedlich auf Eisschollen schlafen. Dieses Mal bleibt genügend Zeit, Mütze, Schal und Handschuhe anzuziehen und rechtzeitig an Deck zu stehen. Die Tiere lassen sich von unserer Anwesenheit nicht stören und schenken uns wunderbare Fotomotive.
Als wäre das nicht bereits Geschenk genug, lichtet sich die Wolkendecke für einen kurzen Moment. Sonnenlicht fällt durch den Nebel und zaubert einen feinen, fast geisterhaften Bogen an den Himmel. Ein sogenannter Nebelbogen entsteht, wenn winzige Wassertröpfchen das Licht streuen. Im Gegensatz zum Regenbogen schimmert er fast weiss und wirkt dadurch besonders mystisch.
Langsam verschwindet das Packeis hinter uns. In der Lounge wird noch lange über Wale, Robben und die Eindrücke dieses besonderen Tages gesprochen. Als wir schliesslich die Kabinen aufsuchen, wartet noch ein kleines Geschenk auf uns. Um Mitternacht wird die Uhr um eine Stunde zurückgestellt und wir erhalten eine zusätzliche Stunde in der Arktis …
Zwischen Wellen, Wissen und dem ersten Eis
Wir wachen auf und sind mitten im Nirgendwo.
Kein Land am Horizont, kein vertrauter Fixpunkt, nur das weite Meer. Die geschenkte Stunde kommt uns gerade recht. Wir starten langsam in den Tag, lassen uns noch etwas treiben, während die MS Plancius sanft von den Wellen gewiegt wird. Im Bett fühlt sich das beinahe gemütlich an, wie in einer grossen Wiege. Unter der Dusche zeigt sich dann allerdings, dass ein Seetag auch kleine sportliche Herausforderungen bereithalten kann.
Der Wind ist mässig stark, das Schiff bewegt sich ruhig, aber spürbar. Wir sind auf dem Weg nach Grönland.
Der Tag auf See ist gefüllt mit Vorträgen, Begegnungen und Geschichten, die den Blick weiten. Den Auftakt macht Eduardo, Astronom mit spürbarer Begeisterung für das Sonnensystem. Er erklärt uns, wie es zu einer Sonnenfinsternis kommt und wie viele Faktoren zusammenspielen müssen, damit dieses seltene Schauspiel überhaupt möglich wird. Die Erde, der Mond, die Sonne, ihre Bahnen und Abstände. Was auf den ersten Blick abstrakt klingt, wird bei Eduardo greifbar. Besonders, als er sein Lego-Modell hervorholt. Plötzlich sitzen wir nicht mehr nur in einem Vortragssaal auf einem Expeditionsschiff, sondern erinnern uns an Kinderzimmer, bunte Steine und die Freude daran, Dinge mit den Händen zu begreifen.
Und plötzlich ist die diesjährige Sonnenfinsternis ein verständliches Phänomen und bereits jetzt steigt die Vorfreude und Spannung.
Im Anschluss folgt das Briefing für die Explorer-Wanderungen. Spätestens jetzt wird deutlich, dass diese Reise nicht einfach ein Abhaken von Programmpunkten ist. Wer hier mitgeht, braucht Fitness, Flexibilität und den Willen, als Gruppe unterwegs zu sein und auch zusammenzubleiben. Es gibt keine Wanderwege, keine markierten Routen, kein bekanntes Terrain. Nur Landschaft, Wetter, Erfahrung und ein Expeditionsteam, das die Sicherheit im Blick behält. Denn wir befinden uns in Eisbärenland.
Dann taucht unser erster Eisberg in der Ferne auf. Mutterseelenallein treibt er im weiten Ozean. Ein stiller, heller Fremder inmitten von Grau und Blau. Wir staunen ehrfürchtig und sind uns einig, dass die Arktis uns immer mehr in ihren Bann zieht. Ein einzelner Eisberg genügt, und plötzlich spürt man, wie weit weg man vom Alltag ist.
Am Nachmittag tauchen wir in die Welt der Wale ein. Ursula brennt für diese Tiere und ihre Begeisterung erreicht den ganzen Raum. Wir lernen, dass es zwei grosse Walfamilien gibt, dass Wale unter keinen Umständen als Fische bezeichnet werden sollten und dass ihre Jagdstrategien so unterschiedlich sind wie ihre Erscheinung. Drohnenaufnahmen zeigen uns diese Tiere aus einer Perspektive, die staunen lässt. Elegante Bewegungen, präzise Zusammenarbeit, ein Leben unter der Wasseroberfläche, von dem wir meist nur einen Atemstoss, eine Rückenflosse oder eine Schwanzfluke sehen.
Gleichzeitig bleibt die Faszination nicht ungebrochen. Das Ökosystem Meer ist sehr verletzlich. Während wir hier draussen seine Schönheit erleben dürfen, wird uns klar, wie dringend nötig ein achtsamerer Umgang mit dieser Welt ist.
Später nimmt uns Michelle mit nach Grönland, lange bevor wir dort ankommen. Sie erzählt von der Bevölkerung der Insel, von Einwanderungsgeschichten, Volksgruppen und davon, weshalb man die Menschen hier nicht pauschal als Inuit, sondern als Grönländer:innen bezeichnet. Auch die Sprache öffnet uns eine Tür zu diesem Land. Ein einziges Wort kann, übersetzt, einem ganzen Satz entsprechen.
Beim Recap kehren wir nochmals zu den Tieren zurück, die uns bereits gestern begleitet haben. Da wir grosse Robbengruppen auf Eisschollen beobachten konnten, stellt uns Ursula die heimischen Robbenarten näher vor. Wieder lernen wir dazu. Wieder merken wir, wie viel reicher eine Begegnung wird, wenn man mehr über das weiss, was man gesehen hat.
Und dann geht es um den Mann, dessen Namen unser Schiff trägt: Petrus Plancius. Gabi erzählt von einem flämisch-niederländischen Theologen, Astronomen und Kartografen, der im 16. und frühen 17. Jahrhundert lebte und sich intensiv mit Navigation, Karten und Himmelskunde beschäftigte. Plancius setzte sich auch mit der Idee einer Nordostpassage durch arktische Gewässer auseinander und unterstützte die Suche nach neuen Seewegen. Ein passender Namensgeber also für ein Schiff, das für diese Expedition unser Zuhause ist.
Nach dem Nachtessen folgt zum Dessert noch ein Vortrag von Felix über Gletscher. Wir haben in Spitzbergen bereits einige gesehen und in Grönland warten weitere Eisriesen auf uns. Felix führt uns durch die verschiedenen Gletscherarten, zeigt Unterschiede, erklärt Formen und Bewegungen. Es ist Wissen, das schon morgen lebendig werden könnte, wenn wir nicht mehr nur Bilder sehen, sondern vor den Gletschern stehen.
Um Mitternacht geht ein Seetag mit Sonne am Himmel zu Ende, der viel mehr war als nur ein Tag auf dem Meer.
Wenn Grönland den Atem anhält
Hinter uns liegen die letzten Seemeilen bis Grönland. Die Nacht war keine richtige Nacht, eher ein helles Dazwischen, wie es nur der arktische Sommer kennt. Zeitweise strahlte die Sonne vom Himmel, als hätte sie vergessen, unterzugehen. Beim Frühstück werden Bilder herumgereicht, aufgenommen zu einer Uhrzeit, zu der es zu Hause stockdunkel ist.
Schon während wir noch beim Frühstück zusammensitzen, gleiten immer grössere Eisberge an der Plancius vorbei. Die Formenvielfalt ist gewaltig, kein Eisberg gleicht dem anderen.
Mit grosser Vorfreude steigen wir später in die Zodiacs und tuckern der «Mückenbucht» entgegen. Der Name lässt kurz aufhorchen, doch heute meint es die Arktis gut mit uns. Die Mücken halten sich zurück, als wollten auch sie uns diesen Tag nicht verderben.
Schon von Bord aus haben wir in der Ferne fünf Moschusochsen entdeckt. Urige Gestalten, wie aus einer anderen Zeit. An Land teilen wir uns wie gewohnt in drei Wandergruppen auf. Die sportlichste Gruppe macht sich auf den Weg, den Moschusochsen vielleicht etwas näherzukommen. Doch die zotteligen Gesellen haben ihre eigenen Pläne. Sobald sie die farbige Menschengruppe wittern, setzen sie sich in Bewegung und verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit in der Weite.
Die gemütlichere Wandergruppe wählt einen anderen Zugang zu Grönland. Nicht weiter, höher, schneller, sondern näher. Wir gehen in die Knie, beugen uns über Moose und Flechten, legen uns fast auf den Boden und entdecken durch die Lupen eine Welt, die man im Vorbeigehen leicht übersehen würde. Winzige Pflanzen, fein verzweigte Strukturen, zarte Farben inmitten der rauen Tundra. Sogar einen Wald aus Polarweiden sehen wir. Nur wächst dieser Wald hier nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Anders könnte er in diesem Klima nicht überleben.
Ein kleiner Witz macht die Runde: Was machst du in Grönland, wenn du dich im Wald verirrst? Aufstehen.
Es sind diese Momente, die eine Expeditionsreise so besonders machen. Man kommt wegen der grossen Landschaften, der Eisberge, der Tiere, der Weite. Und dann steht man plötzlich staunend vor einer Pflanze, die kaum höher ist als ein Finger breit, und versteht ein kleines bisschen besser, wie viel Kraft in Anpassung steckt.
Doch was am Nachmittag geschieht, wird wohl niemand von uns so schnell vergessen.
Alles beginnt ganz unspektakulär. Wir boarden planmässig die Zodiacs und gehen an Land. Die schnelle Wandergruppe ist bereits ein gutes Stück entfernt, als die letzten Gäste den Strand erreichen. Einige haben noch nicht einmal Zeit, die Schwimmweste auszuziehen, da kommt die Meldung: Eisbär in Sicht.
In Sekunden verändert sich die Stimmung. Die Guides reagieren ruhig, klar und professionell. Sofort heisst es: zurück auf die Plancius. Keine Diskussionen, kein Zögern. Alle Gäste befolgen die Anweisungen vorbildlich, die Zodiacs werden dichter gefüllt als üblich, und plötzlich zählt nur noch eines: alle zurück an Bord.
Währenddessen wird ein zweiter Eisbär im Wasser gesichtet.
Kaum sind wir wieder auf dem Schiff, eilen wir ans Heck. Ferngläser werden gezückt und Kameras gehoben. Und dann sehen wir sie tatsächlich, zwei Eisbären im Wasser. Sie schwimmen auf uns zu, heben immer wieder die Köpfe, schauen in unsere Richtung, nehmen vermutlich unsere Witterung auf. Für einen Moment wirkt es fast, als würden sie unsere ganze Evakuierung beobachten. Als wären nicht wir die Zuschauenden, sondern sie.
Es ist still an Deck, eine Stille, die entsteht, wenn alle wissen, dass gerade etwas Aussergewöhnliches geschieht.
Als alle Zodiacs zurück an Bord sind und nichts Spannendes mehr vor sich geht, ändern die beiden Bären ihre Richtung. Sie schwimmen zum Strand. Wir verfolgen jede Bewegung. Wie sie das Wasser verlassen, sich schütteln, sich mehrmals auf dem Boden wälzen und dann langsam dem Ufer entlang trotten. Wildnis, ganz nah und doch in sicherer Distanz.
Bald erreichen sie genau jene Stelle, an der wir kurz zuvor noch gestanden haben. Spätestens jetzt sind wir sehr froh, dass alle rechtzeitig zurückgekehrt sind. Zwar ist uns eine Wanderung entgangen, dafür wurden wir mit einem Erlebnis beschenkt, das grösser kaum hätte sein können.
Eisbären in Grönland zu sehen, ist alles andere als selbstverständlich. Wir Glückspilze haben an einem einzigen Tag sogar drei von ihnen entdeckt.
Die Arktis hat uns heute einmal mehr gezeigt, dass sie keine Bühne ist, auf der alles nach Plan läuft. Sie ist lebendig, unberechenbar und genau deshalb so berührend.
Manchmal schenkt Grönland einem an einem einzigen Tag mehr, als man zu hoffen gewagt hätte.
Magische Arktis wie sie leibt und lebt
Der Tag beginnt im Kaiser-Franz-Josef-Fjord, einem der grossen Fjordsysteme Nordostgrönlands. Tief schneidet er in die Küste hinein, verzweigt sich zwischen Bergen, Gletschern und Seitenfjorden und wirkt dabei weniger wie eine Landschaft als wie eine ganze Welt aus Stein, Eis und Licht. Als wir erwachen öffnen sich erste Lücken in der Wolkendecke. Dahinter zeigt sich ein Morgen, wie ihn nur die Arktis malen kann. Gedämpftes Licht, ruhiges Wasser, Berge aus Schichtgestein, die in Rot, Grau, Ocker und Gold übereinanderliegen.
Die Hauptrolle in diesem gewaltigen Panorama spielt das Teufelsschloss. Der markante Berg erhebt sich direkt über dem Kaiser-Franz-Josef-Fjord und fällt mit seinem rötlichen Gestein und den hellen diagonalen Schichten sofort ins Auge. Seinen Namen verdankt er seiner burgähnlichen Form, die schon die frühen Polarforscher beeindruckte. Wie eine Festung steht er da, kantig, stolz, beinahe unwirklich.
An Bord klicken die Kameras im Sekundentakt. Niemand möchte dieses Sujet verpassen. Eigentlich wäre Frühstückszeit, doch der Weg in den Speisesaal fällt uns nicht leicht. Wie sollen wir uns von einer Kulisse losreissen, die sich mit jeder Wolkenbewegung verändert?
Am Vormittag landen wir in Blomsterbugten an, der «Blumenbucht». Der Name kommt nicht von ungefähr: In dieser abgelegenen Bucht zeigt sich die arktische Tundra im kurzen Sommer überraschend lebendig, mit zarten Pflanzen, Moosen und Farbtupfern zwischen Steinen und Geröll. Unser Ziel ist ein See auf dem Hochplateau. Schon nach den ersten Schritten drehen wir uns immer wieder um. Unten liegt die Plancius vor Anker, klein und ruhig in einer Landschaft, die alles andere in den Hintergrund rückt.
Michelle zeigt uns unterwegs einige Pflanzen. Die Namen versuchen wir uns zu merken, scheitern aber kläglich daran. Geblieben sind uns vor allem die Beeren, die reif angeblich besser schmecken sollen als Heidelbeeren. Viel faszinierender ist jedoch der Überlebenstrick der arktischen Pflanzen. Im Herbst werfen sie ihre Blätter nicht einfach ab. Sie entziehen ihnen die Nährstoffe und behalten die Struktur. Im Frühling pumpen sie die Energie wieder hinein und starten mit erstaunlich wenig Aufwand in die neue Saison. In einer Welt, in der jeder Zentimeter Wachstum kostbar ist, zählt jede gesparte Kraft.
Dann erreichen wir eine alte Fuchsfalle. Eduardo erklärt, wie die Tiere früher möglichst fellschonend gefangen wurden.
Bald öffnet sich der Blick. Vor uns liegt der See, dahinter steigen Berge auf, deren Schichten wie Linien in einem riesigen Naturarchiv wirken. Immer wieder bleiben wir stehen. Nicht, weil wir müde sind, sondern weil sich schon wieder ein Bild aufdrängt, das man festhalten möchte.
Dass das Leben in dieser Umgebung hart ist, begreifen wir spätestens, als wir den Schädel und das Skelett eines Moschusochsen entdecken. Die Arktis ist schön, aber sie ist nie harmlos. Unsere sportlichen Wanderer erzählen später von zwei Schneehasen. Auch ein Schneehuhn bekommen wir zu sehen. Es ist so perfekt getarnt, dass man es kaum sieht auf dem Handyfoto. Manchmal ist die beste Erinnerung jene, die man einfach selbst gesehen hat.
Am Nachmittag wird die Wanderung anspruchsvoller. Das Gelände fällt schräg ab, wir gehen über Stock und Stein, queren feuchte Schlammfelder und suchen immer wieder nach stabilem Tritt. Im Flussdelta entdecken wir zwei Moschusochsen mit einem Jungtier. Von da an bleiben sie in unserem Fernglas-Blickfeld. Massig stehen sie in der weiten Landschaft, als gehörten sie seit Urzeiten genau hierher.
Bei einem Zwischenhalt erfahren wir, wie Gletscher die Bergketten voneinander getrennt haben. Noch heute erkennt man Moränen und den Gletscherbach. Die Spuren sind jung, weniger als 1000 Jahre alt. Vegetation gibt es dort noch keine. Die Natur braucht Zeit, viel Zeit.
Dann werden wir nachdenklich. Wir hören, dass sich die Arktis deutlich schneller erwärmt als der Rest der Welt. Auch das Meer verändert sich und mit ihm die Wege der Tiere, die ihrer Nahrung immer weiter nach Norden folgen müssen. In dieser eindrücklichen Kulisse trifft uns diese Information besonders tief.
Inzwischen haben die Moschusochsen das Flussdelta überquert und sind auf unserer Seite angekommen. Wir versuchen uns vorsichtig zu nähern. Sprechen ist verboten. Jeder Schritt wird leiser, jede Bewegung bewusster. Durch das Fernglas sehen wir sie gut. Das Jungtier bleibt nahe bei den Erwachsenen. Dann, plötzlich, setzen sie sich in Bewegung, rennen den Hang hinauf und verschwinden in einer Talsenke.
Beim abendlichen Recap gratulieren wir zwei Geburtstagskindern. Später im Restaurant schmunzeln wir über das Geburtstagsständchen des Personals. Es ist einer dieser warmen Bordmomente, in denen die Arktis draussen kurz weit weg scheint.
Kaum ist die Geburtstagstorte verteilt, knistert die Durchsage durch den Lautsprecher: Breaking New! Eisbär am Strand!
Innerhalb von Sekunden leert sich der Speisesaal. Stühle rücken, Servietten bleiben liegen, Kameras werden geschnappt. An Deck reihen sich die Gäste auf. Weit entfernt am Strand bewegt sich tatsächlich unser vierter Eisbär. Er wandert langsam der Küste entlang, scheinbar unbeeindruckt von der Aufregung, die er an Bord auslöst.
Gleichzeitig entdecken wir auf der Gletschermoräne einen Moschusochsen mit Jungtier, unterwegs in Richtung des Eisbären. Alle halten den Atem an. Die Tiere verschwinden schliesslich hinter einem Schuttkegel. Was danach geschieht, wissen wir nicht und vielleicht ist es gut so. Die Arktis erzählt nicht jede Geschichte zu Ende.
Während die Plancius Kurs auf den nächsten Anlandungsort nimmt, passieren wir gigantische Eisberge. Einer davon ragt rund 50 Meter über der Wasseroberfläche auf. Wenn man weiss, dass der viel grössere Teil unter Wasser verborgen liegt, wird aus Staunen Ehrfurcht.
Nach all der Aufregung rund um Eisbär Nummer vier nimmt uns Felix mit in eine ganz andere Welt. In seinem Vortrag erklärt er, wie eine Wetterprognose entsteht. Plötzlich schauen wir anders auf Wolken, Druckgebiete und Modelle. Natürlich interessiert uns vor allem eine Frage: Wie wird das Wetter am 12. August, wenn die Sonnenfinsternis auf dem Programm steht?
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Dank einer zusätzlich geschenkten Stunde gönnen wir uns später noch einen Schlummertrunk in der Lounge. Draussen ziehen weitere Eisberge vorbei, gross wie Kathedralen. Die Fotospeicherkarten sind voller Bilder auch wenn wir wissen, dass sich das Wichtigste nicht speichern lässt.
Wo Steine Geschichten erzählen
Am Morgen liegt der Segelsällskapets Fjord vor uns, ein Seitenarm des King-Oscar-Fjord-Systems in Ostgrönland, umgeben von einer Landschaft, die sich steil und kompromisslos aus dem Wasser hebt. Hier sind die Berge nicht einfach Kulisse. Sie wirken wie aufgeschlagene Seiten eines uralten Buches. Der Fjord gehört zum Nordost-Grönland-Nationalpark.
Unser Ziel ist Skipperdal. Das Expeditionsteam spricht schon am Vorabend mit besonderer Wärme von diesem Ort. Alle, wirklich alle, werden ermutigt, an Land zu gehen. Es soll einer der Höhepunkte dieser Reise werden. Und kaum setzen die Zodiacs am Strand auf, verstehen wir weshalb.
Vor uns liegen Felsformationen, wie man sie nicht beschreiben kann, ohne sofort nach Vergleichen zu suchen. Gefaltete Bänder, hauchdünne Linien, Rot, Ocker, Grau, Weiss, Braun. Die Schichten stehen teilweise fast senkrecht, manche Kanten sind scharf wie Papier. Schön, aber respekteinflössend. Ein falscher Schritt würde hier nicht einfach mit einem blauen Fleck enden.
Geologisch ist Skipperdal ein kleines Freilichtmuseum. In der Region des Segelsällskapets Fjords sind abwechselnde Schichten aus Kalkstein und Dolomit sichtbar. Die Ablagerungen sind rund 600 bis 542 Millionen Jahre alt. Genau diese Linien und Muster lassen erahnen, wie tief die Geschichte reicht, auf der wir heute stehen.
Wir bekommen Zeit, Zeit zum Staunen, zum Fotografieren, zum nahen Hinsehen. Wir schliessen uns der gemütlichen Wandergruppe an. Und wie so oft in der Arktis zeigt sich, dass Langsamkeit ist kein Nachteil. Sie ist manchmal der Schlüssel.
Zwischen Steinen, Moosen und winzigen Blüten erzählt uns die Natur von ihrem eigenen Rhythmus. Hier geht es ums Durchhalten. Jede Pflanze scheint genau zu wissen, wie wenig sie sich leisten kann. Die Polsterblumen tragen ihre Blüten an einer Seite des Mooskissens. In dieser Gegend richten sie sich gegen Norden aus, dorthin, wo sie am meisten Licht bekommen. Botaniker nennen solche Pflanzen «Kompassblumen». Ein fast zärtlicher Begriff für eine Überlebensstrategie.
Ein besonderes Lob gilt heute unserer Expeditionsleiterin Chloe. Es war ihr grosser Wunsch, diesen Landgang für alle möglich zu machen. Und es berührt, zu sehen, mit welcher Aufmerksam- und Selbstverständlichkeit sie am Strand bei den Gästen mit Geheinschränkungen bleibt. Sie hilft beim Aussteigen, sucht Sitzplätze, richtet Blicke auf die Landschaft aus und macht Fotos und schenkt den Gästen so ein unvergessliches Erlebnis.
Die gemütliche Wandergruppe entdeckt zwischen den farbigen Steinformationen plötzlich einen Schneehasen. Wir bleiben stehen, bewegen uns ruhig, sprechen kaum. Schritt für Schritt nähern wir uns, behutsam genug, dass er bleibt. Sogar mit dem Handy gelingt ein anständiges Foto.
Der Schneehase ist perfekt an diese Welt angepasst. Er lebt in Grönland, in der arktischen Tundra, auf felsigen Plateaus und an baumlosen Küsten. Hier wechselt sein Fell die Farbe nicht, weil die Hocharktis oft das ganze Jahr schneebedeckt ist. Bei uns gibt es aktuell keinen Schnee und der Hase ist «glücklicherweise» für uns sehr gut sichtbar.
Wenige Schritte später folgt die nächste Begegnung. Ein Schneehuhn mit fünf Jungen bewegt sich fast unsichtbar durch die Landschaft. Die Tarnung ist unglaublich. Man schaut hin, sieht nichts, schaut nochmals und plötzlich ist da eine ganze kleine Familie. Kurz darauf flattert es wenige Schritte vor unseren Füssen. Eine zweite Schneehuhn-Mutter ist mit ihren Jungen auf Futtersuche.
Solche «unaufgeregten» Begegnungen sind sehr wertvoll. Die Arktis schenkt nicht auf Knopfdruck. Sie lässt einen suchen, warten, leise werden. Und dann, wenn man aufgehört hat, etwas zu erwarten, hebt sie kurz den Vorhang.
Auf der Zodiacfahrt zurück zeigt sich die See von ihrer lebendigeren Seite. Der Wellengang ist hoch, das Wasser spritzt über den Bug, und ehe wir uns versehen, bekommen wir eine salzige Dusche. Kalte Hände, nasse Ärmel, lachende Gesichter, auch das gehört zur Magischen Arktis.
Am Nachmittag steht Kap Petersens auf dem Programm. Der Ort liegt am Eingang des Segelsällskapets Fjords. Für die Crew ist es Neuland und plötzlich sind wir nicht mehr nur Gäste auf einer Expeditionsreise, sondern selbst ein wenig Entdeckerinnen und Entdecker.
Schon an der Anlandestelle fallen die riesigen Findlinge auf. Sie liegen da, als hätte ein Gletscher sie vor langer Zeit abgesetzt und dann vergessen. Viele Steine sind dunkel überzogen, fast schwarz. Flechten bedecken sie wie eine dünne, lebendige Patina. In der Hocharktis gehören solche auf Stein wachsenden Flechten zu den erstaunlichsten Überlebenskünstlern.
Während wir über die Landschaft wandern, tauschen sich die Guides laufend via Funk aus. Dann kommt die Nachricht, dass eine Gruppe hat bei der Schutzhütte eine kleine Herde Moschusochsen gesichtet hat. Wir sind noch weit entfernt, aber wir erhalten die Wahl: wer möchte, kann weitergehen.
Der Weg zieht sich. Kaum erreichen wir die Krete, geraten die Moschusochsen in Bewegung. Sie rennen bergauf. Zum Glück nicht so weit, dass wir sie aus den Augen verlieren.
Es sind sechs Tiere, zwei Männchen und vier Weibchen. Die Moschusochsen gehören zu den eindrücklichsten Landtieren Grönlands. Obwohl ihr Name anderes vermuten lässt, sind sie näher mit Schafen und Ziegen verwandt als mit Rindern. Ihr grönländischer Name «Umimmak» bedeutet «der Langbärtige», passend zu ihrem dichten, zottigen Fell.
Wir beobachten aus respektvoller Distanz. Besonders die beiden Männchen ziehen den Blick auf sich. Einen Moment lang stehen sie einander gegenüber, als würden sie eine uralte Diskussion führen. Wer gehört wohin, wer gibt den Ton an, wer darf in der Nähe der Gruppe bleiben? Der ältere hat sein Revier abgesteckt. Der jüngere trottet etwas abseits mit, nicht vertrieben, aber auch nicht ganz zugehörig. Es sind Szenen, die man nicht vergisst.
Unsere Entdeckerlust bringt uns schliesslich bis zur Schutzhütte am Kap Petersens. Sie wurde 1930 errichtet und 1998 von Nanok restauriert. Solche Hütten sind in dieser abgelegenen Region weit mehr als romantische Relikte. Sie dienten und dienen als Schutz, Orientierungspunkt und einfacher Zufluchtsort in einer Landschaft, in der Wetter und Entfernung schnell eine Herausforderung werden können.
Der Rückweg zieht und zieht sich, die Beine werden schwerer, die Anlandungsstelle scheint nicht näher kommen zu wollen. Doch die Arktis ist grosszügig mit jenen, die auch am Ende noch hinschauen. Noch einmal entdecken wir eine Schneehuhn-Familie. Wieder fast unsichtbar, wieder ein kleines Wunder zwischen Steinen.
Am Abend beim Recap erfahren wir das Programm für morgen und freuen uns, dass wir nicht wissen, was auf uns wartet.
Eisbär statt Landgang, Moschusochsen statt Eile
Nach einer ruhigen Nacht erreichen wir die Gegend um Antarctic Haven. Der Name klingt nach Südpol, doch wir befinden uns mitten in der arktischen Wildnis Ostgrönlands. Antarctic Haven ist eine abgelegene Bucht an der rauen, bergigen Küste, einst ein Ort norwegischer Jäger und Überwinterer. Draussen zeigt sich die Arktis von ihrer sanften Seite. Das Meer liegt beinahe glatt vor uns, Sonne und Wolken wechseln sich ab und mit rund 14 Grad fühlt sich der Morgen fast mild an. Ein Tag, wie gemacht für eine Anlandung. Wir ziehen unsere Jacken an, schlüpfen in die Schwimmwesten und beobachten vom Schiff aus, wie das Expeditionsteam an Land alles vorbereitet. Routiniert, konzentriert, mit wachsamen Blicken in alle Richtungen.
Statt weiter aufzubauen, packt das Team das Material wieder zusammen. Was ist da los? Vom Schiff aus wirkt der Strand friedlich und leer, nichts deutet auf Aufregung hin. Doch Gabi vom Expeditionsteam ist mit dem Zodiac um die Landzunge gefahren und hat gesehen, was wir noch nicht erblicken können. Unser Eisbär Nummer 5 macht einen Strandspaziergang, rund zwei Kilometer entfernt. Zwei Kilometer. In unserem Alltag klingt das nach Distanz. In der Arktis ist es ein Augenblick. Chloe bricht die Anlandung sofort ab, informiert den Kapitän, Entscheidungen werden ohne Zögern getroffen. Für uns heisst das, Schwimmwesten zurück in die Kabine bringen und hinaus an Steuerbord. Die Ferngläser werden gezückt, Kameras bereitgemacht, wir warten gespannt. Doch der Bär ist inzwischen ins Wasser gegangen. Nur wenige können ihn noch durch ihre Ferngläser erkennen.
Ein bisschen Enttäuschung liegt in der Luft, natürlich. Aber sie wird schnell von Respekt abgelöst. Vor diesem Tier, vor dieser Landschaft und vor einem Expeditionsteam, das schneller handelt, als man selbst denken kann.
Plötzlich müssen wir uns auch nicht mehr entscheiden, welche Wanderung wir am Morgen machen möchten. Die Arktis hat für uns entschieden. Stattdessen kommen wir in den Genuss eines spannenden, interessanten und immer wieder überraschenden Vortrags von Koen über Eisbären. Dass Eisbären zu den Meeressäugern gezählt werden, wussten viele von uns nicht. Ihr Leben ist eng mit dem Meer und dem Eis verbunden. Und als wir hören, dass sie schneller wie Usain Bolt rennen können, verstehen wir endgültig, weshalb zwei Kilometer hier keine beruhigende Entfernung sind.
Am Nachmittag erreichen wir den Fleming Fjord. Hier zeigt sich Grönland klar und kraftvoll. Braun, Rot, Ocker, Grau. Farben, die im arktischen Licht plötzlich warm werden.
Wir freuen uns, bei diesem fantastischen Wetter doch noch an Land zu gehen. Bereits vom Schiff aus haben wir mit den Feldstechern zwei Moschusochsen entdeckt. Nun hoffen wir, sie aus sicherer und respektvoller Distanz genauer beobachten zu können.
Wie immer teilt sich die Gruppe auf. Eine Wandergruppe geht dem Strand entlang, langsam, ruhig, fast wie in Zeitlupe. Wir werden gebeten, möglichst leise zu sein und uns behutsam zu bewegen. Gespräche verstummen. Wir schauen genauer hin. Im Sand entdecken wir zahlreiche Spuren. Vor allem Gänse haben hier ihre Abdrücke hinterlassen. Sie sind erstaunlich gut sichtbar, weil die Vögel mit ihrem Gewicht tief genug einsinken. Wir folgen nicht einfach einem Weg. Wir lesen eine Landschaft.
Meter für Meter nähern wir uns den beiden Moschusochsen. Nicht zu schnell, nicht zu direkt, immer so, dass den Tieren alle Möglichkeiten offenbleiben. Es sind zwei männliche Tiere, gut zu erkennen an den breiten, zusammengewachsenen Hornplatten auf der Stirn. Die Tiere liegen da, schwer und urtümlich, als seien sie aus einer anderen Zeit übriggeblieben. Ab und zu heben sie den Kopf, mustern uns, stehen auf, gehen ein paar Schritte, legen sich wieder hin. Ein fauler Nachmittag in der Arktis.
Und genau so soll es sein. Wir sind Gäste. Wenn die Tiere nicht gestresst sind, haben wir alles richtig gemacht. Jemand fragt, was Moschusochsen im Winter fressen, wenn alles unter Schnee liegt. Die Antwort führt uns wieder zu dieser unglaublichen Anpassungsfähigkeit der Natur. Moschusochsen suchen oft windige Höhen und Kämme auf, wo der Schnee weniger liegen bleibt oder weggeblasen wird. Dort scharren sie mit Hufen und Hörnern nach dem, was die Tundra auch im Winter hergibt: Gräser, Seggen, Flechten, Zwergsträucher. Nicht viel. Aber genug für Tiere, die gelernt haben, mit dem Wenigen haushälterisch umzugehen.
Später steigen wir bergauf. Unser Ziel ist ein Blick ins Flusstal. Auch hier liegt das Flussbett weitgehend trocken da, fast wie in der Schweiz in diesem heissen Sommer. Nur dass die Kulisse eine andere ist: weiter, stiller, ursprünglicher. Unterwegs kommen wir an ehemaligen Ruheplätzen von Moschusochsen vorbei. Wollreste liegen am Boden, feine Spuren ihrer Anwesenheit. Qiviut, die weiche Unterwolle der Moschusochsen, gehört zu den seltensten und kostbarsten Naturfasern der Welt.
Unser Blick bleibt aber nicht nur am Panorama hängen. Immer wieder beugen wir uns zur Vegetation hinunter. Zwischen Steinen und Moosen entdecken wir kleine blaue Glockenblumen. Den genauen Namen wissen wir nicht, also taufen wir sie kurzerhand «gemeine blaue arktische Glockenblume» und lachen darüber. Es sind auch diese kleinen Momente, die unsere Gruppenreise besonders machen. Nicht nur die grossen Tierbegegnungen, nicht nur die spektakulären Landschaften, sondern auch der gemeinsame Humor und das Staunen über eine Blume, die in dieser rauen Welt ihren Platz gefunden hat.
Der Indian Summer hat hier bereits seine Fühler ausgestreckt. Viele Bodendecker leuchten rot in der Nachmittagssonne. Noch ist es erst der Anfang, aber wir können erahnen, wie diese Landschaft aussehen muss, wenn der Herbst richtig Einzug hält. Eine Farbenexplosion auf arktischem Boden.
Am Abend sitzen wir bei einem servierten Dinner zusammen. Die Gespräche kreisen um den Eisbären, den nicht alle gesehen haben, um die Moschusochsen, die sich von uns nicht aus der Ruhe bringen liessen, um Spuren im Sand und Farben in der Tundra. Draussen senkt sich die Sonne langsam über die Landschaft. So endet ein Tag, der anders begann als geplant. Kein Landgang am Morgen, dafür eine Lektion in arktischer Demut.
Zwischen Eisblau und Sonnenfinsternis
Der Countdown läuft. Wir sind unterwegs in den Scoresby Sund, wo wir morgen unseren Platz für die totale Sonnenfinsternis erreichen werden. Noch liegt die Arktis hell und offen vor uns. Die Sonne begleitet uns mit einer Selbstverständlichkeit, als wolle sie sich vor ihrem grossen Auftritt noch einmal von ihrer schönsten Seite zeigen.
Bereits nach dem Frühstück tauchen wir in eine Welt ein, die voller Bewegung, Strategie und erstaunlicher Anpassung ist: die Vogelwelt der Arktis. Sie ist vielfältiger, als viele von uns erwartet hätten. Da ist die Küstenseeschwalbe, klein und leicht, kaum grösser als eine Banane, und doch legt sie den längsten Weg aller Zugvögel zurück. Rund 70'000 Kilometer fliegt sie pro Jahr zwischen Arktis und Antarktis. Ein Leben zwischen den Enden der Welt. Auch die Eiderenten überraschen uns. Sie tauchen bis zum Meeresgrund, holen sich Muscheln und schiessen danach fast wie kleine Raketen wieder an die Wasseroberfläche. Dabei ziehen sie eine Spur aus Luftblasen hinter sich her. Die Luft, die sie unter ihrem Gefieder tragen, wirkt beim Auftauchen wie ein unsichtbarer Auftrieb. Wir erfahren, dass die Gänse hoch in den Felswänden nisten. Für die Jungen gibt es nur einen Weg aus dem Nest, nämlich den Sprung in die Tiefe. Sie sind so leicht, dass sie meistens unverletzt unten ankommen und von den Eltern ins sichere Wasser geführt werden. Für den Polarfuchs hingegen ist jeder «Fehlflug» eine Chance. Die Arktis ist schön, aber manchmal auch brutal.
Im Anschluss folgt das obligatorische Briefing zur Sonnenfinsternis. Eduardo erklärt uns eindringlich, wie wichtig die Schutzbrillen sind. Wer ungeschützt in die Sonne blickt, riskiert bleibende Augenschäden. Die Stimmung im Raum ist konzentriert. Morgen wird kein gewöhnlicher Reisetag. Morgen werden wir an einem Ort stehen, an dem sich die Natur für wenige Minuten verändert. Das Licht, die Farben, die Temperatur, das Verhalten der Tiere, vielleicht sogar die Geräusche. Noch wissen wir nicht, was uns genau erwartet. Aber wir spüren alle, dass es ein Moment werden könnte, den wir ein Leben lang nicht vergessen werden.
Am Nachmittag wartet bereits das nächste Highlight dieser Reise. Wir erreichen die Bjørne Øer, die Bäreninseln. Die kleine Inselgruppe liegt im Scoresby Sund und trägt ihren Namen nicht zufällig. Während einer Expedition Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier ein Eisbär gesichtet und erlegt. Heute sind die Inseln vor allem eine Kulisse aus Felsen, Wasser und Eis.
Wir steigen in die Zodiacs und fahren hinaus zu den schwimmenden Eisgiganten. Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass die Bedingungen kaum besser sein könnten. Die See liegt ruhig da, kein Wind kräuselt das Wasser, die Sonne bricht durch feine Schleierwolken. Um uns herum treiben Eisberge in Formen, die man sich kaum ausdenken könnte. Manche wirken wie Kathedralen, andere wie Festungen, Türme oder sogar wie ein offenes Krokodilgebiss. Je nach Perspektive verändert sich ihre Gestalt. Was eben noch wie eine Mauer aus Eis aussah, öffnet sich plötzlich zu einem Bogen. Wir erfahren, weshalb die Oberfläche mancher Eisberge wie Orangenhaut aussieht. Dieser Teil lag früher unter Wasser und wurde dort von der Wasserbewegung so geformt. Feine waagrechte Linien erzählen von Kanälen im Eis, durch die einst Luft nach oben stieg. Dort, wo das Eis klar ist, sind keine Lufteinschlüsse mehr vorhanden. Nur dieses klare Eis kann blaues Licht reflektieren. Deshalb leuchtet ein Eisberg manchmal gleichzeitig weiss und blau, weich und kalt, vertraut und fremd.
Während der Fahrt sprechen wir auch über die Forschung in Grönland. Gletscher werden angebohrt. Anhand der eingeschlossenen Luftblasen lässt sich herausfinden, wie das Klima zu der Zeit war, als diese Luft im Eis eingeschlossen wurde. Je tiefer das Eis, desto älter ist es. Plötzlich wirken die Eisberge um uns herum nicht mehr nur schön, sondern wie treibende Archive. Jede Schicht, jede Linie, jeder Farbton erzählt aus der Vergangenheit. So faszinierend die Nähe zu diesen Eisriesen ist, so wichtig bleibt der Respekt. Die Guides werden aufgefordert, genügend Abstand zu halten. Gerade Eisberge mit Türmen, Toren oder überhängenden Formen können ohne Vorwarnung abbrechen oder zusammenstürzen. Dabei entstehen Wellen, die für Zodiacs gefährlich werden können. Die Arktis schenkt uns heute grossartige Bilder, aber sie verlangt Aufmerksamkeit. Drei Stunden lang kommen wir kaum aus dem Staunen heraus. Kameras klicken und irgendwann merken wir, dass kein Foto diesem Nachmittag ganz gerecht werden kann. Wir fühlen uns wie im «Eisberg-Schlaraffenland». Ein Dank an dieser Stelle auch an den Kapitän und sein Team, die uns seit den Morgenstunden sicher durch diesen Hindernisparcours manövrieren.
Zurück an Bord spüren wir dieses besondere Reiseglück, das entsteht, wenn ein Tag mehr schenkt, als man erwartet hat. Beim Recap erfahren wir das Programm für morgen. Chloe zaubert es mit sichtbarer Vorfreude aus dem Hut. Um 17.38 Uhr soll die totale Sonnenfinsternis stattfinden. Eine Stunde später werden wir anstossen, hoffentlich auf ein Ereignis, das uns noch lange begleiten wird.
Zwischen Polar Plunge und Mondschatten
Seit Wochen, vielleicht seit Monaten, haben Guide Eduardo, Felix und viele Gäste diesem Datum entgegengefiebert. Heute steht die totale Sonnenfinsternis bevor und über Ostgrönland soll sich der Himmel verdunkeln. Doch vor dem grossen Showdown schenkt uns die Arktis einen weiteren wunderbaren Tag.
Am Morgen nehmen wir Kurs auf Sorte Ø, die «Schwarze Insel». Der Name passt zu dieser Landschaft, in der dunkle Felsen, grüne Tundra und das helle Blau der Eisberge einander gegenüberstehen.
Seit dem Vorabend wissen wir, dass heute auch der Polar Plunge auf dem Programm steht. Ein Bad im arktischen Meer? Theoretisch klingt das nach Abenteuer, praktisch sorgt der Blick aus dem Fenster für leise Zweifel. Was bedeutet es wohl für die Wassertemperatur, wenn rings um das Schiff Eisberge in der Grösse von Einfamilienhäusern treiben? Die Bedingungen könnten besser kaum sein. Knapp 10 Grad Lufttemperatur, ruhige See, kein Wind. Trotzdem wandert das Badezeug bei vielen eher zögerlich in den Rucksack.
An Land starten wir unsere Tundrawanderung und staunen, wie dicht und hoch die Vegetation hier wächst. Wer bei Grönland nur an Eis, Fels und Kälte denkt, wird auf Sorte Ø eines Besseren belehrt. Zwischen Moosen, Gräsern und Zwergsträuchern entdecken wir Heidelbeeren, dazwischen sogar Pilze. Fast fühlt es sich an, als würden wir durch einen arktischen Miniaturwald gehen.
Guide Michelle erklärt, dass dieses Landschaftsbild vor vielen Millionen Jahren auch in der Antarktis üblich war. Erst durch die zunehmende Trennung von Südamerika und Antarktika und die damit verbundenen Meeresströmungen kühlte sich der Kontinent stark ab. Die Vegetation verschwand, das Eis übernahm.
Beim ersten Fotostopp öffnet sich der Blick auf den Rødefjord. Geologisch ist er von sehr altem Gneis und Granit geprägt. Diese harten Gesteine wurden über enorme Zeiträume durch Druck, Hitze und Gebirgsbildung geformt und verleihen den Felswänden ihre dunkle, teils rötliche Zeichnung. Felix ergänzt den Blick aus Schweizer Perspektive. Auch im Napfgebiet finden sich ähnliche Gesteine und Sedimente, dort zudem verbunden mit kleinen Goldvorkommen. Aus einem Fotostopp wird plötzlich eine Diskussion über Bodenschätze, Landschaftsgeschichte und Verantwortung. Guide Michelle erzählt von Debatten rund um Rohstoffe in Grönland. Die Empörung in der Gruppe ist spürbar. In einer Landschaft, die so unberührt wirkt, erhält das Thema Ressourcenabbau sofort ein anderes Gewicht.
Wenig später stehen wir an einem Aussichtspunkt und schauen hinaus auf den Fjord. Vor uns treiben Eisberge, jeder von ihnen ein eigenes, langsam wanderndes Gebirge. Plötzlich bricht ein Stück Eis ab und stürzt ins Wasser. Wellen laufen über die Oberfläche. Ein anderer Eisberg kippt, dreht sich schwerfällig, sucht sein Gleichgewicht neu. Immer wieder hören wir dumpfes Grollen. Kein Gewitter, obwohl es so klingt. Risse, Spannungen, Bewegung in den Eisblöcken, als wenn die Arktis in tiefen Tönen sprechen würde.
Auf dem Rückweg wird die Frage unausweichlich: Springen oder nicht springen? Der Polar Plunge rückt näher. Einige lassen sich vom Gruppengefühl anstecken, andere vom Gedanken, dass man ein Bad im arktischen Meer am Tag einer Sonnenfinsternis wohl kaum zweimal im Leben angeboten bekommt. Und so stehen schliesslich mehr Mutige bereit, als am Morgen vermutet worden wäre. Der erste Kontakt mit dem Wasser nimmt einem kurz den Atem, aber bald kommt das Lachen und der Jubel. Zurück an Bord sind alle ein bisschen stolz, sich ins arktische Meer gewagt zu haben.
Am Nachmittag wechselt die Perspektive. Vom Eis zum Himmel. Von der Erde ins All. Guide Eduardo nimmt uns mit auf die Reise der Voyager 2. Die Raumsonde wurde am 20. August 1977 gestartet und sollte ursprünglich vor allem Jupiter und Saturn erforschen. Später wurde aus dieser Mission eine der grossen wissenschaftlichen Erfolgsgeschichten der Raumfahrt. Für Eduardo ist Voyager 2 nicht nur ein Objekt der Wissenschaft. Er wurde am Tag ihres Starts geboren und diese zufällige Verbindung wurde für ihn zu einer Art innerem Kompass. Später fand er die Person, die die Sonde vor dem Start als Letzte berührt hatte und kam mit ihr in Kontakt. Der daraus entstandene Briefwechsel bestärkte ihn darin, Astronomie zu studieren.
Kurz vor den entscheidenden Stunden treffen wir Felix zu einem letzten Vortrag über die Sonnenfinsternis. Er erklärt, was gleich geschehen wird, verteilt Schutzbrillen und erinnert uns daran, wie selten es ist, eine totale Sonnenfinsternis an einem Ort wie diesem zu erleben. Draussen liegt Ostgrönland im hellen Sonnenlicht. Die Eisberge treiben durch den Fjord, als wüssten sie nichts von dem Schauspiel, das sich über ihnen zusammenbraut.
Wir gehen an Deck. Durch die Schutzbrille betrachtet, ist die Sonne plötzlich keine vertraute Lichtquelle mehr, sondern eine orange Kugel in einem schwarzen Himmel. Alle warten auf den Moment, in dem der Mond sie zum ersten Mal berührt. Dann ist es so weit und der Mond schiebt sich langsam vor die Sonne. Doch die Arktis wäre nicht die Arktis, wenn sie nicht auch jetzt noch ihre eigenen Regeln hätte. Wolken ziehen auf! Für einen Moment übernimmt nicht der Mond, sondern die Wolkendecke einen Teil der Verdunkelung. Rechtzeitig zur Totalität wird die Wolkendecke dünner. Für etwas mehr als zwei Minuten dürfen wir die Korona sehen. Ohne Schutzbrille erscheint sie als feiner, silbriger Kranz um die verdeckte Sonne. Das Licht verändert sich. Es wird nicht einfach dunkel, sondern fremd. Die Farben verlieren ihre Wärme. Die Temperatur fällt spürbar. Und dann diese Stille, wie ein kollektives Innehalten. Als würden Schiff, Menschen, Eisberge und Fjord für einen Moment im selben Rhythmus atmen.
Dann erscheint der Diamantring. Der erste Sonnenstrahl bricht hinter dem Mond hervor. Ein einziger heller Punkt, so intensiv, dass er die Dunkelheit aufreisst. Es fühlt sich an, als hätte jemand den Lichtschalter der Welt wieder eingeschaltet. Innerhalb weniger Augenblicke kehren Farben, Konturen und Stimmen zurück.
Später versammeln wir uns in der Lounge. Kleine Häppchen stehen bereit, Gläser werden erhoben. Wir stossen an auf die Magie des Himmels, auf das Glück des richtigen Moments und auf eine Reisegruppe, die dieses Erlebnis miteinander teilen durfte.
Beim ersten Fotostopp öffnet sich der Blick auf den Rødefjord. Geologisch ist er von sehr altem Gneis und Granit geprägt. Diese harten Gesteine wurden über enorme Zeiträume durch Druck, Hitze und Gebirgsbildung geformt und verleihen den Felswänden ihre dunkle, teils rötliche Zeichnung. Felix ergänzt den Blick aus Schweizer Perspektive. Auch im Napfgebiet finden sich ähnliche Gesteine und Sedimente, dort zudem verbunden mit kleinen Goldvorkommen. Aus einem Fotostopp wird plötzlich eine Diskussion über Bodenschätze, Landschaftsgeschichte und Verantwortung. Guide Michelle erzählt von Debatten rund um Rohstoffe in Grönland. Die Empörung in der Gruppe ist spürbar. In einer Landschaft, die so unberührt wirkt, erhält das Thema Ressourcenabbau sofort ein anderes Gewicht.
Wenig später stehen wir an einem Aussichtspunkt und schauen hinaus auf den Fjord. Vor uns treiben Eisberge, jeder von ihnen ein eigenes, langsam wanderndes Gebirge. Plötzlich bricht ein Stück Eis ab und stürzt ins Wasser. Wellen laufen über die Oberfläche. Ein anderer Eisberg kippt, dreht sich schwerfällig, sucht sein Gleichgewicht neu. Immer wieder hören wir dumpfes Grollen. Kein Gewitter, obwohl es so klingt. Risse, Spannungen, Bewegung in den Eisblöcken, als wenn die Arktis in tiefen Tönen sprechen würde.
Auf dem Rückweg wird die Frage unausweichlich: Springen oder nicht springen? Der Polar Plunge rückt näher. Einige lassen sich vom Gruppengefühl anstecken, andere vom Gedanken, dass man ein Bad im arktischen Meer am Tag einer Sonnenfinsternis wohl kaum zweimal im Leben angeboten bekommt. Und so stehen schliesslich mehr Mutige bereit, als am Morgen vermutet worden wäre. Der erste Kontakt mit dem Wasser nimmt einem kurz den Atem, aber bald kommt das Lachen und der Jubel. Zurück an Bord sind alle ein bisschen stolz, sich ins arktische Meer gewagt zu haben.
Am Nachmittag wechselt die Perspektive. Vom Eis zum Himmel. Von der Erde ins All. Guide Eduardo nimmt uns mit auf die Reise der Voyager 2. Die Raumsonde wurde am 20. August 1977 gestartet und sollte ursprünglich vor allem Jupiter und Saturn erforschen. Später wurde aus dieser Mission eine der grossen wissenschaftlichen Erfolgsgeschichten der Raumfahrt. Für Eduardo ist Voyager 2 nicht nur ein Objekt der Wissenschaft. Er wurde am Tag ihres Starts geboren und diese zufällige Verbindung wurde für ihn zu einer Art innerem Kompass. Später fand er die Person, die die Sonde vor dem Start als Letzte berührt hatte und kam mit ihr in Kontakt. Der daraus entstandene Briefwechsel bestärkte ihn darin, Astronomie zu studieren.
Wo Eisberge schweigen und die Arktis tanzt
Als wir an diesem Morgen erwachen, klingt noch immer der gestrige Tag in uns nach. Was wir erlebt haben, war zu eindrücklich, zu unwirklich, um es sofort einordnen zu können.
Zum ersten Mal seit Tagen wirkt der Blick aus dem Fenster weniger verheissungsvoll. Dunkle Wolken hängen tief über der Landschaft, das Licht ist flach, das Meer scheint seine Farben zurückzuhalten. Doch die Arktis hat uns längst gelehrt, dass ein unscheinbarer Morgen nichts über den Tag verrät. Und der Optimismus der Crew ist ansteckend. Also schlüpfen wir in unsere warmen Kleider, ziehen die Gummistiefel an und freuen uns auf unsere Landung in Immikkeertigajik. In der Zwischenzeit ist eine kleine Gruppe von Tageswanderern bereits am Sydkap an Land gegangen.
Immikkeertigajik ist eine kleine grönländische Insel. Wer hier an Land geht, betritt keinen inszenierten Ort, kein Freilichtmuseum. Hier liegen die Spuren eines früheren Lebens offen in der Landschaft. Still, unspektakulär und gerade deshalb so berührend. Guide Michelle führt uns behutsam in die Geschichte der Insel ein. Überreste der Thule-Inuit erzählen von Menschen, die hier einst lebten, jagten, Vorräte anlegten und den Rhythmus ihres Alltags nach Meer, Eis, Wetter und Jahreszeiten ausrichteten. Die frühen Inuit, oft auch als Thule-Kultur bezeichnet, erreichten Grönland ungefähr um 1200 n. Chr. und gelten als direkte Vorfahren der heutigen Inuit. Ihre Lebensweise war geprägt von hoher Anpassungsfähigkeit, genauer Naturkenntnis und einer engen Verbindung zu den Tieren, von denen ihr Überleben abhing.
Die Dächer der Winterhäuser wurden einst mit Walknochen gestützt, darüber kamen Felle, Steine und Erde. Was heute wie eine Vertiefung im Boden aussieht, war früher Schutzraum und ein Zuhause. In der Ferne entdecken wir am Strand eine Sommersiedlung. Steinkreise markieren Stellen, an denen Zelte standen. Vielleicht stammen diese Spuren aus einer ganz anderen Zeit als die Winterhäuser. Die Insel ist ein Gedächtnis aus Stein, Knochen und Erde. Im Sommer waren die Menschen unterwegs wie Nomaden. Sie folgten den Möglichkeiten, die ihnen die Natur bot.
Wie immer, wenn wir mit Michelle unterwegs sind, schauen wir nicht nur in die Weite, sondern auch vor unsere Füsse. Zwischen den niedrigen Pflanzen lugen schwarze Krähenbeeren hervor. Sie wirken fast wie kleine glänzende Perlen in der Tundra. Roh schmecken sie herb bis bitter. Erst nach Frost werden sie angenehmer, weil Kälte die Zellstruktur verändert und der Geschmack milder, oft etwas süsser wirkt. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie länger an den Pflanzen bleiben als andere Beeren. Die Tiere scheinen sich zuerst an die verlockenderen Früchte zu halten.
Unterwegs findet Guide Marc ein Stück Eierschale. Er hebt es auf, betrachtet es, bricht es vorsichtig und erklärt uns, dass die Bruchstelle verrät, ob das Ei ausgebrütet wurde oder ob es einem Räuber zum Opfer fiel. In diesem Fall stammt die Schale von einem geschlüpften Jungvogel. Wieder so ein kleiner Moment, in dem die Arktis plötzlich ein Detail freigibt, das man ohne kundigen Blick übersehen hätte. Marc erzählt weiter, dass viele Vögel die Eierschalen nach dem Schlüpfen rasch aus dem Nest entfernen. So vermeiden sie, dass Geruch oder helle Schalenreste Feinde anlocken. Weisse Eier findet man besonders häufig bei Arten, deren Eier kaum unbeaufsichtigt bleiben oder die an Orten brüten, wo Tarnung weniger entscheidend ist. Farbe und Muster auf Eiern entstehen durch Pigmente. Diese herzustellen kostet Energie. Wenn Tarnung nicht nötig ist, kann die Natur erstaunlich pragmatisch sein.
Am gegenüberliegenden Ufer erkennen wir einige Jägerhütten. Michelle erzählt vom heutigen Leben der Inuit an der Ostküste Grönlands. Noch immer ist der Alltag vieler Familien eng mit der Jagd verbunden. Die Rollenverteilung ist vielerorts traditionell: Männer gehen hinaus, Frauen und Kinder bleiben im Dorf, wo es meist auch eine Schule gibt. Doch auch hier verändert sich die Welt. An der Westküste gibt es grössere Siedlungen, Internet, andere Perspektiven. Viele junge Menschen sehnen sich nach einem Leben jenseits der alten Traditionen. Nicht alle wollen Jäger werden. Michelle berichtet von einem deutschen Kapitän, der sich als Volunteer für die Jagd gemeldet hat. In den Familien übernimmt er jene Arbeiten, die sonst die jungen Männer machen würden, oft auch die unangenehmen. Je nach Familie bekommt er Einblick in weitere Bereiche des Alltags. Letztes Jahr lernte er, aus einfachsten Materialien Schmuck herzustellen. Dieses Jahr war die Familie konservativer. Der Zugang zu den Aufgaben der Frauen blieb ihm verwehrt. Solche Geschichten öffnen ein Fenster in eine Welt, die uns fremd ist und doch plötzlich ganz nah erscheint.
Auf dem Rückweg zeigt uns Marc noch einen kleinen Trick. Wer einen Feldstecher dabeihat, trägt eigentlich auch eine Lupe mit sich. Man muss ihn nur umdrehen und ganz nah an das Objekt herangehen. Plötzlich werden schwarze Flechten zu kleinen Landschaften. Was eben noch wie ein dunkler Fleck auf einem Stein wirkte, offenbart Strukturen, Linien, Formen. Die Arktis ist nicht nur gross. Sie ist auch im Kleinen überwältigend.
Beim Mittagessen erreicht uns die Nachricht, dass das Nachmittagsprogramm geändert wird. Aus verschiedenen Gründen offeriert uns Chloe eine weitere Zodiacfahrt durch die Eisberge. Kaum ist die Ankündigung gemacht, geht ein spürbarer Jubel durch den Raum. Es ist nicht so, dass wir nicht gerne wandern würden. Aber nach Tagen voller Eindrücke und langen Landgängen fühlt sich die Vorstellung, einfach durch diese stille Eiswelt zu gleiten, fast wie ein Geschenk an. Die Sonne kämpft sich zusehends durch die Wolken, als wir in die Zodiacs steigen. Am Himmel zeigt sich die Grenze zwischen Kalt- und Warmfront. Vor uns liegen Eisberge dicht beieinander, als hätte das Meer sie hier gesammelt. Viele sind gestrandet, festgehalten vom seichten Wasser der Bucht. Das Expeditionsteam spricht hier von einem Eisberg-Friedhof. Das klingt düsterer, als es sich anfühlt. Die Eisberge treiben nicht mehr frei, aber sie sind immer noch da, majestätisch, zerfurcht, blau leuchtend, manchmal glatt wie Marmor, manchmal rau wie zerbrochenes Glas.
Wir fahren langsam zwischen ihnen hindurch. Und plötzlich spüren wir etwas, das wir bisher erfolgreich verdrängt haben: Wehmut. Diese Eisberge gehören noch zu unserem Landschaftsbild. Sie haben uns begleitet, jeden Tag vor dem Fenster, neben dem Schiff, doch bald werden sie fehlen. Gegen Abend holen wir unsere Wanderer an Land wieder ab und staunen über die Tierbilder, die sie mitgebracht haben.
Eine nächste Überraschung wartet am Abend auf uns, ein Arctic Dinner. Viele können sich darunter wenig vorstellen. Vor allem nicht, wenn man sich warm anziehen und gleichzeitig die Tanzschuhe bereithalten soll. Doch die Hotelcrew hat wieder einmal bewiesen, dass sie selbst inmitten der Arktis Ideen aus dem Hut zaubern kann, die niemand erwartet. Am Heck des Schiffes ist ein Outdoor-Barbecue aufgebaut. Die Abendsonne legt sich golden über das Deck, rund um uns treiben riesige Eisberge, und auf einmal stehen wir mit Tellern in der Hand mitten in einer fast unwirklichen Szenerie. Grillduft mischt sich mit kalter Arktisluft und die Stimmung ist gelöst.
Kaum haben die Letzten beim Dessert zugegriffen, werden Tische und Bänke zur Seite geräumt. Dann schallt Musik über das Deck. Erst zögerlich, dann immer mutiger füllt sich die improvisierte Tanzfläche. Songs aus verschiedenen Jahrzehnten locken Menschen zusammen, die sich vor wenigen Tagen noch kaum kannten. Einige Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer überraschen mit erstaunlichem Tanztalent, andere mit purer Freude. Beides zählt gleich viel. Wir tanzen, während die Eisberge um uns herum schweigen. Wir lachen, während die Sonne langsam hinter Wolken verschwindet. Für einen Moment ist die Arktis nicht nur wild, weit und ehrfürchtig, sondern auch ein Ort, an dem man unter freiem Himmel tanzt, auch wenn man nie gedacht hätte, dass man so etwas einmal tun würde.
Später lassen wir den Abend an der Bar ausklingen. Viele sagen, sie hätten sich einen solchen Tag nicht vorstellen können. Eine Wanderung durch vergangene Kulturen. Krähenbeeren und Eierschalen. Geschichten vom Leben der Inuit. Eisberge im Abendlicht. Ein Barbecue am Ende der Welt. Tanzmusik auf dem Deck.
Wo das Eis Geschichten erzählt
Nach der Tanznacht dürfen wir heute ein bisschen länger schlafen. Für einen Moment fühlt sich alles nach einem langsamen Start an. Doch dann fällt der erste Blick nach draussen, die Sonne steht bereits wieder hell über der arktischen Landschaft, als hätte sie nur auf uns gewartet. Fast könnte man sagen, es sei schon wieder kitschig schön.
Unser Ziel am Vormittag ist der Roma-Gletscher, eine gewaltige Eislandschaft, die sich aus den Bergen hinunter zum Wasser schiebt. Schon vom Schiff aus wirkt die Szenerie still und mächtig zugleich. Wir steigen in die Zodiacs. Die Guides teilen sich auf. Einige Boote fahren direkt in Richtung Gletscherfront, andere nehmen Kurs auf einen grossen Eisberg, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Unterwegs entdecken wir einen grossen Schwarm Dreizehenmöwen auf dem Wasser. Diese eleganten Vögel sind typische Bewohner der arktischen Küsten und oft dort anzutreffen, wo das Meer Nahrung verspricht. Für einen kurzen Moment sitzen sie dicht beieinander auf der Wasseroberfläche, ein lebendiges Muster aus Weiss und Grau. Doch als wir ihrer Meinung nach zu nahe sind, heben sie ab. Der Schwarm löst sich auf wie Schnee im Wind. Vereinzelt sehen wir auch Krabbentaucher. Sie gehören zur Familie der Alkenvögel, also zur gleichen Verwandtschaft wie Papageitaucher. Mit ihrem schwarz-weissen Gefieder, dem kompakten Körper und ihrer Lebensweise werden sie manchmal scherzhaft als «Pinguine des Nordens» bezeichnet.
Die Landschaft rund um uns erzählt von einer alten Entstehungsgeschichte. Das Gestein in dieser Gegend ist ursprünglich vulkanisch geprägt, mit eingelagertem Basalt. Dort, wo Erosion Schichten freilegt, treten Basaltsäulen hervor. Je mehr Basalt im Gestein steckt, desto deutlicher zeigen sich diese kantigen, fast architektonischen Formen. Im Wasser treiben grössere Stücke aus schwarzem Eis. Auf den ersten Blick wirken sie fremd, beinahe wie Steine. Tatsächlich handelt es sich um besonders dichtes, altes Eis mit sehr wenigen Luftblasen. Weil kaum Licht im Eis gestreut wird und das dunkle Wasser darunter mitschwingt, kann es fast schwarz erscheinen.
Dann hören wir es, ein Knistern, ein Knacken, ein feines Prickeln aus der Tiefe. Es klingt, als würde das Eis Geschichten erzählen. Die eingeschlossene Luft, manchmal Jahrhunderte alt, entweicht aus den schmelzenden Stücken und steigt als winzige Bläschen an die Oberfläche. Plötzlich ein Donnern, alle Köpfe drehen sich. Gerade noch rechtzeitig blicken wir in die richtige Richtung und sehen, wie sich an einem schwimmenden Eisberg ein Stück löst. Vor ihm ragt ein Turm aus Eis auf, schief und eigenwillig, fast so, als hätte er sich zu weit hinausgelehnt. Durch den Abbruch gerät er ins Schwanken. Für ein paar Sekunden halten wir den Atem an. Wird er kippen? Wird er brechen? Der Vergleich mit dem schiefen Turm von Pisa kommt schnell auf, nur dass dieses Bauwerk hier nicht aus Stein besteht, sondern aus gefrorenem Wasser, Balance und Zufall.
Die Guides beruhigen uns. Schwimmende Eiskörper verändern sich ständig. Wenn ein Teil abbricht, muss der Rest seine neue Lage finden. Das Eis sucht sein Gleichgewicht, der Turm bleibt… noch.
Weil wir das letzte Zodiac sind, das zurück zum Schiff fährt, erhalten wir einen Blick hinter die Kulissen des Expeditionsalltags. Wir sehen, wie die Boote ein- und wieder ausgewassert werden. Mit dem Kran werden sie von Deck 4 auf Deck 3 hinuntergelassen. Dort kommen Gewehre und die Überlebenstonne an Bord, bevor die Zodiacs schliesslich zu Wasser gelassen werden. Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, ist für die Crew präzise Routine. Jeder Handgriff sitzt, jeder Ablauf hat seinen Grund.
Kaum sind alle wieder an Bord, nimmt die Plancius Kurs auf Ittoqqortoormiit. Die Vorfreude unter den Gästen ist spürbar. Viele möchten das Museum besuchen, andere hoffen auf handgemachte Souvenirs, vielleicht ein kleines Erinnerungsstück, das später zu Hause mehr erzählt als jedes Foto. Der Souvenir-Shop ist allerdings umgezogen, und niemand weiss so recht, wohin. Auch das gehört zu diesen Orten, an denen nicht alles ausgeschildert und sofort verfügbar ist. Dafür ist das Museum geöffnet. Es ist klein, eindrücklich und voller Geschichten. Im Obergeschoss finden wir Biografien von Einheimischen. Die Zeit reicht bei weitem nicht, alles zu lesen. Doch schon wenige Zeilen genügen, um zu spüren, dass das Leben hier draussen nicht nur romantisch, sondern fordernd, eigenständig und tief mit der Landschaft verbunden ist. Mitten im Dorf treffen wir auf vier Einheimische, die vor ihrem Haus sitzen. Sie sind aussergewöhnlich gesprächig. Die Mutter der Familie verkauft «per Zufall» selbstgemachte Ohrringe mit Haaren von Moschusochsen daran. Ein kleines Stück Handwerk aus ihrem Alltag. Auffallend viele Kinder sind unterwegs, wahrscheinlich haben sie schon schulfrei. Gleichzeitig herrscht im Dorf reges Treiben, die Dorfbewohner fahren mit ihren Quads durch die Strassen, über Asphalt, Kies oder wie auch immer der Untergrund ist. Ittoqqortoormiit ist ein Ort, der lebt.
Schnell ist das Dorf erkundet. Einige von uns schauen bei der Hundefütterung zu, andere schlendern weiter und besuchen die Kirche. Sie ist klein, schlicht und einladend. Kein grosses Gebäude, aber eines mit Atmosphäre.
Bald geht es zurück an Bord. Wir waschen die Stiefel ein letztes Mal, bevor wir sie an ihren Lagerort zurückbringen.
Langsam kommt Aufbruchstimmung auf. Spätestens als die Hotelmanagerin erklärt, wie die Rechnung für Konsumationen beglichen werden kann, wird allen bewusst, dass sich diese Reise ihrem Ende nähert. Sofort tauchen Fragen auf. Wie läuft das Ausschiffen genau? Wann müssen die Koffer bereitstehen? Was passiert morgen? Die Antworten erhalten wir morgen.
Wie so oft auf dieser Reise werden wir noch einmal überrascht. Wir sitzen beim Kaffee zusammen als plötzlich Jubelschreie durch das Restaurant tönen. Wal in Sicht! Wir lassen alles stehen, eilen in die Kabine, holen das Fernglas, eine Jacke und eilen an Deck. Grossartig, welches Spektakel wir da miterleben dürfen. Es sind gegen 20 Buckelwale, die uns begleiten, einige in sehr guter Sichtdistanz. Wir können die gleichzeitigen Wasserfontänen kaum zählen. Die steife Brise, welche uns um die Ohren fegt, ignorieren wir. Dieses Erlebnis lassen wir uns nicht entgehen.
Als langsam Nebel aufzieht und die Sichtdistanz auf wenige Meter zusammenschmilzt, ist es Zeit für einen letzten Vortrag von Felix zum Thema Klimaerwärmung. Nach einer Reise wie unserer trifft uns dieses Thema besonders tief. Denn wer die Arktis gesehen hat, nimmt nicht nur die schöne Kulisse, sondern auch ihre Verletzlichkeit mit nach Hause. Wir werden uns einmal mehr bewusst, dass eine echte Wende nur gelingen wird, wenn alle mitziehen. Kleine Länder können vorangehen, Ideen testen, aber am Ende müssen die grossen Länder mit machbaren Lösungen und klugen Technologien überzeugt werden. Es braucht das gemeinsame Verständnis, dass dieser Planet keine Grenzen kennt, wenn es um Klima, Eis, Meer und Zukunft geht.
Ein letzter Seetag voller Geschichten
Wir sind auf See. Irgendwo zwischen Grönland und Island verlassen wir das Polarmeer und gleiten hinaus auf den Atlantischen Ozean. Während draussen das Meer in gedeckten Farben vorbeizieht, wird es drinnen lebendig. Das Expeditionsteam nimmt uns mit auf Reisen, die weit über unsere aktuelle Route hinausführen. Geschichten von alten Seefahrern und winzigen Meereswesen
Guide Esther öffnet am Vormittag ein Fenster in die Welt der Wikinger. Schon ihre erste Frage bringt uns zum Schmunzeln. Gab es Wikinger-Frauen und Wikinger-Kinder? Wir sind uns fast alle sicher, die Antwort zu kennen. Und liegen falsch. Denn die Wikinger waren kein Volk, sondern Männer, die auf Fahrt gingen: Seefahrer, Händler, Krieger, Eroberer. Männer, die mit ihren schnellen, wendigen Schiffen an Küsten auftauchten, überraschend zuschlugen und verschwanden, bevor Widerstand möglich war.
Esther erzählt vom Überfall auf Lindisfarne, einem der ersten grossen Wikingerangriffe, und davon, wie aus Räubern mit der Zeit Siedler wurden. Über Shetland, Orkney und die Färöer führten ihre Wege weiter nach Island, wo im Jahr 930 mit dem Althing eine der frühesten parlamentarischen Versammlungen Europas entstand.
Auch Erik der Rote findet Platz in Esthers Erzählung. Nach seiner Verbannung aus Island segelte er nach Grönland, wo sich während rund 400 Jahren nordische Siedler niederliessen. Sein Sohn entdeckte später Vinland, das heutige Labrador und war früher in Nordamerika, als Christoph Kolumbus. Und irgendwo im Norden tauchte ein Name auf, der uns auf dieser Reise besonders vertraut klingt: Svalbardi. Bis heute weiss niemand genau, wie weit die Wikinger tatsächlich kamen. Mit der Schlacht bei Stamford Bridge begann der langsame Niedergang der Wikingerzeit. Doch ihr Erbe blieb. Sie eröffneten Seerouten, legten Grundlagen für Handel und Rechtssysteme, gründeten Städte und verbanden Kulturen über weite Meere hinweg.
Am Nachmittag werden wir zu Plankton-Kenner:innen. Expeditionsleiterin Chloé spricht über die kleinen Meeresbewohner mit einer solchen Wärme, dass man sich fragt, wie wir bisher so wenig über sie wissen konnten. Plankton, erklärt sie, ist alles, was nicht gegen die Strömung schwimmen kann. Da müssen wir Menschen uns anstrengen, nicht selbst dazuzugehören.
Wir lernen Zooplankton und Phytoplankton kennen. Manche Lebewesen beginnen ihr Dasein in der einen Gruppe und wechseln später in die andere. Eine ganze Welt, verborgen unter der Wasseroberfläche, treibt mit den Strömungen, wächst, wandelt sich und ist wichtiger, als ihre Grösse vermuten lässt.
Besonders still wird es im Raum, als Chloé erzählt, dass Plankton den Sauerstoff für jeden zweiten Atemzug erzeugt. Plötzlich bekommt jeder Atemzug mehr Bedeutung. Eine Weltkarte zeigt uns die grünen Lungen der Erde, und wir staunen über diese unsichtbare Kraft, die unter Wellen arbeitet. Auch die weissen Klippen von Dover erscheinen in neuem Licht, denn sie bestehen aus den Überresten winziger Meeresorganismen.
Plankton klingt klein. Nach diesem Vortrag wissen wir, dass es alles andere als unbedeutend ist. Es ist ein stiller Motor des Lebens.
Gegen Abend gehen wir hinaus auf Deck 3. Der Wind ist frisch, das Licht gedämpft, die See ruhig genug für ein gemeinsames Bild. Wir versammeln uns um den Kapitän, rücken zusammen, lachen in die Kamera und wissen, dass dieses Foto mehr festhält als Gesichter. Später lädt der Kapitän zum Abschied ein. Wir bedanken uns bei der Crew, die in den vergangenen Tagen so viel mehr war als Personal an Bord. Sie hat Türen geöffnet, Teller serviert, Zodiacs gesteuert, Fragen beantwortet, Sicherheit gegeben und mit ihrer Arbeit diese Reise getragen. Die Diashow danach trifft uns unerwartet tief. Noch einmal ziehen die Tage an uns vorbei und lassen eine erste Wehmut aufkommen.
Beim letzten Abendessen wird es stiller an Bord. Wir erzählen, lachen, erinnern uns und spüren zugleich, dass der Abschied näher rückt.
Draussen trägt uns der Atlantik Island entgegen. Doch die Magische Arktis endet nicht beim Ausschiffen. Sie bleibt als Bild im Kopf und als leiser Wunsch, eines Tages zurückzukehren.